Ich kümmerte mich um sie. Irgendwie gewann ich sie sehr schnell lieb. Sie war mir wie eine jüngere Schwester.
Und damit wurde ich irgendwie… Therapeutin. Nicht nur für sie, sondern auch für andere.
Eigentlich durfte das nicht sein. Und ich machte mir auch Sorgen, wie die Leitung darauf reagieren würde, wenn sie es erfahren würden. Die anderen deckten mich, so lange sie konnten. Aber irgendwann passierte es dann doch.
Ich rechnete in dem Moment mit allem, als die Leitung mich in ihr Büro zitirrt hatte.
Meinem Rauswurf. Dass sie mich melden würden. Ausliefern.
Und wieder: Nichts dergleichen geschah.
Stattdessen organisierten sie eine Schulung, in denen ich den offiziellen Wisch erhielt. Es stellte sich heraus, dass sie kein Interesse daran hatten, dass ich ging. Sie waren chronisch unterbesetzt. Der Staat vernachlässigte sie. Und Therapeuten zu finden, die hier freiwillig arbeiten wollten, war ein ausichtsloses Unterfangen. Also nahmen sie das, was sie bekamen. Und in diesem Fall war das wohl ich. Von meiner Vergangenheit wollten sie nichts wissen.
Und so wurde ich Therapeutin im Sanatorium
Amtlich und offiziell.
Aber auch dabei blieb es nicht. Ich hab da wohl so ein Talent…
Es war ein kühler Abend, als ich in den Raum der damaligen Verwaltung stolperte.
Ich weiß nicht mehr, was ich damals bei ihnen gewollt hatte. Ich glaube, es waren irgendwelche älteren Unterlagen zu einem Patienten gewesen, der gehen wollte.
Die Verwaltung war müde gewesen. Überfordert. Diesen Anblick würde ich nie vergessen. Das war das erste Mal gewesen, dass ich so etwas wie Mitgefühl mit ihnen verspürt hatte. Bis dahin waren sie eher unter Feinde, denen man besser aus dem Weg geht, bei mir intern gespeichert gewesen.
Und so blieb ich. Hörte zu. Sie hatten wieder irgendwelche Schwierigkeiten mit Staatsbeamten gehabt, die hier irgendwen abschieben wollten. Der ihrer Einschätzung nach allerdings erstaunlich stabil und normal war. Noch nicht einmal auffällig im politischen Sinn. Doch wie es schien, hatten sie kein Mitspracherecht gehabt. Aber zusätzliche Gelder oder Therapeuten bereitstellen… Das wollten sie nicht.
Und das war der Moment, in dem ich verstand, dass wir im selben Boot saßen. Wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Das Sanatorium wurde endgültig zu meinem zu Hause.
Ich war plötzlich nicht nur Therapeutein, sondern wurde zunehmend in die Tätigkeiten der Verwaltung eingebunden.
Und auch hier: Wenn mir ein Wisch für die offizielle Legitimation fehlte, dann kümmerte sich die Verwaltung darum, dass ich nachgeschult wurde.
Ich weiß nicht, was mit den Mitgliedern der alten Verwaltung nach und nach geschah. Aber sie zogen sich zurück. Einer, nach dem anderen. Und ließen mich zunehmend mit der Verwaltung des Sanatoriums alleine. Ich sollte erst Jahre später erfahren, dass sie nach all den Jahrzehnten… einfach eine kurze Pause gebraucht haben.
Ich hinterfragte es damals nicht. Ich werde nicht leugnen, dass ich mich auch eine Zeit lang im Stich gelassen fühlte. Aber dennoch machte ich weiter. Kümmerte mich um das Sanatorium. Die Angestellten. Die Patienten. Den Außenkontakt, wenn er nötig war.
Und dann…
…war ich irgendwie plötzlich für das gesamte Sanatorium zuständig.
Ohne so genau rekonstruieren zu können, wie das jetzt schon wieder passiert war.
Aber ich werde nicht leugnen, dass ich wirklich Spaß daran hatte. In dieser trostlosen Welt schien es mir oft so, als seien wir alles was wir haben. Und das Sanatorium war für uns alle zu einem zu Hause, einer Zuflucht geworden.
Es gab noch eine kritische Zeit dazwischen. Als wir plötzich in „Ungnade“ gefallen waren. Nicht, weil wir etwas falsch gemacht hatten – sondern, weil wir zu gut geworden waren in dem, was wir taten.
Und vielleicht, weil wir plötzlich zu viele Patienten hatten, die eigentlich nach den gängigen systemischen Vorstellungen „sanatoriumspflichtig“ gewesen sein sollten.
Das war die Zeit, in der ich die Bestätigung für das erhalten hatte, was ich bis zu dem Zeitpunkt nur vermutet hatte: Sie schoben hier politische Gefangene ab, nicht wirklich kranke Menschen.
Und jetzt stehe ich da, am Fenster, und blicke auf das Sanatorium herab.
Und stelle fest: Es hat sich verändert.
Nicht im Schlechten – ganz im Gegenteil.
Es war gewachsen.
Obwohl wir das niemals geplant hatte.
Wir hatten einfach nur überleben wollen.
Und jetzt hatten sich einige Bereiche angeschlossen. Wir hatten umgebaut. Ausgebaut. Mehr Leute angestellt. Andere waren einfach geblieben.
Und irgendwie war es nun mehr Stadt als Sanatorium.
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