TnS(E) – 1.9.3 – Kapitel Neun – Konfrontation – Elyon

Ein Satz, so scharf, dass ich beinahe gezuckt hätte. Sie ließ ihn keine Sekunde aus den Augen. Hielt stand, wo jeder andere längst gebrochen wäre.

Kaelens Gesicht veränderte sich. Sein Blick wanderte zu mir. Dann zu dem Essen, das sie vorbereitet hatte. Und wieder zurück. Und ich spürte, wie sich etwas Dunkles in ihm formte.

Der Gedanke kam klar, hart und ungeschützt: Weiß deine kleine Mira, dass du dir mit der da die Zeit vertreibst, während sie weg ist?

Es war kein gesprochener Satz. Aber ich hörte ihn, als hätte er den Raum mit einem Schlag erfüllt.

Mein Magen zog sich zusammen. Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich auf ihn oder auf sie sehen sollte. Ich tat beides nicht. Ich stand still. Wie immer. Und ließ nur ein winziges Flackern in meinen Augen zu.

Denn ich wusste: Kaelen wollte genau das. Den Bruch. Den Keil zwischen uns.

Und was auch immer ich jetzt tat – es würde den nächsten Schlag bestimmen.

Sein Blick war wie ein Messer. Und ich spürte, wie er mich schneiden wollte – nicht mit Worten, sondern mit Bildern, die er in mir platzierte. Bilder, die sich anfühlten, als wären sie schon immer da gewesen, obwohl ich wusste, dass sie es nicht waren.

Dann hörte ich sie. Kein Laut. Kein Wort im Raum. Nur der schmale Faden ihres Denkens, der mich erreichte: Er überschreibt deine Erinnerungen. Er nutzt deine Gefühle dafür. Pass auf.

Er riss mich kurz aus der Schwere. Ich sah sie noch immer als Mira – klar, unverrückbar. Aber Kaelen sah sie nicht. Für ihn war sie Lorena. Und in seinem Blick lag die Absicht, diese Wahrheit auch mir aufzuzwingen.

Ich hielt den Atem an. Zwang meinen Blick, neutral zu bleiben. Auch wenn in mir alles rebellierte. Denn sie hatte recht: Er spielte nicht mit uns – er spielte mit meiner Erinnerung. Er wollte, dass ich glaube, ich hätte diese Szene schon einmal erlebt. Dass ich Schuld daran trug, dass sie hier war.

Und ich wusste: Wenn ich ihm diesen Raum gab, dann würde ich sie verlieren – nicht, weil sie verschwände, sondern, weil er ihren Namen in mir vertauschen würde, bis ich selbst nicht mehr wüsste, wer sie war.

Ihre Stimme schnitt durch die Spannung, scharf wie Glas: „Möchtest du zum Essen bleiben, Kaelen? Dann können wir alles besprechen.“

Sie hatte seinen Tonfall gespiegelt. Kalt, spöttisch, voller Verachtung – und genau darin lag die Kraft.

Für einen Herzschlag lang herrschte Stille. Ich spürte, wie Kaelen den Kopf leicht zur Seite neigte, als müsste er prüfen, ob er sich verhört hatte. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem Lächeln, das mehr Drohung war als Freude.

In mir zog sich alles zusammen. Ich wusste, dass sie damit das Spielfeld verändert hatte: Er war nicht mehr allein der Fragende. Sie hatte die Rolle des Gastgebers beansprucht. Und doch sah ich die Gefahr – denn jedes ihrer Worte war eine Waffe, die er gegen uns drehen konnte.

Ich zwang meine Hände locker zu bleiben, während mein Blick zwischen beiden hin- und herglitt.

Kaelen lachte leise. Ein dunkler Ton. Und ich hörte, wie er in Gedanken schon ansetzte, die Szene umzuschreiben: als wäre sie nicht Mira, sondern wikrlich Lorena, die ihn hier einlud.

Und genau das durfte nicht geschehen.

Ihre Blicke trafen sich – und der Raum kippte.

Kein Laut, kein Atemzug. Nur das Leuchten ihrer Augen – hell, schneidend, gefährlich.

Ich kannte diesen Blick: kein einfaches Anstarren, sondern ein Tausch. Ein offenes Archiv. Zwei Linien, die sich berührten, um Informationen zu ziehen, die man freiwillig gegeben hätte.

Ich hielt den Atem an. Jeder Herzschlag zu laut. Ich wusste, dass ich es nicht unterbrechen durfte, selbst wenn ich es gekonnt hätte. Wer dazwischen ging, geriet selbst zwischen die Ströme – und das konnte tödlicher sein als jedes Messer.

Dann, abrupt, brach es ab.

Kaelen blinzelte, kaum merklich. Sein Mundwinkel hob sich kalt.

„Danke, Lorena. Ich habe, was ich brauche.“

Er wandte sich zu mir, als wäre nichts geschehen.

„Wir sehen uns bei der nächsten Sitzung, Elyon.“

Die Worte waren glatt, doch ich hörte das Gewicht dahinter. Sie waren keine Einladung – sie waren eine Vorladung.

Ohne ein weiteres Wort, öffnete er die Tür, trat hinaus, und ließ die Stille zurück.

Ich blieb wie erstarrt stehen.

Nicht, weil er gegangen war – sondern, weil ich wusste, dass er etwas aus ihr genommen hatte.

Und ich konnte nur hoffen, dass sie noch wusste, was.

Die Tür knallte. Und die Vibration zog wie ein Nachhall durch die Wände. Der Raum war wieder still, aber es war nich dieselbe Stille wie zuvor. Sie war dichter. Schwerer. Voll mit dem, was eben unausgesprochen zwischen ihnen geflossen war.

Mira sah zu mir. Kein Wort. Nur dieses schwache, entschuldigende Lächeln, das mehr schnitt als jede Anklage.

Ich spürte, wie etwas in mir dagegen aufbegehrte. Nicht gegen sie – sondern gegen die Tatsache, dass sie sich entschuldigte, obwohl sie diejenige war, die gerade etwas verloren hatte.

Mein Atem ging flach. Ich wollte fragen, was er ihr genommen hatte. Was er gesehen hatte. Wie tief er vorgedrungen war. Aber die Fragen blieben mir im Hals stecken. Ich wusste, dass sie darauf keine Antwort geben konnte. Vielleicht nicht einmal mehr wusste, was ihr fehlte.

Also erwiderte ich nichts. Kein Wort. Kein Vorwurf.

Nur mein Blick, der ihr sagen sollte: Ich habe gesehen, dass du noch  hier bist. Und ich werde nicht zulassen, dass er dich in Lorena verwandelt.

„Mir fehlt nichts. Lorena hingegen schon.“

Der Gedanke traf mich wie ein Schlag. Klar. Scharf. Ohne Laut. Ohne, dass sie mich überhaupt ansah.

Ich erstarrte.

Sie behauptete, es fehle ihr nichts – doch gerade darin lag der Beweis, dass etwas verschoben worden war. Sie sprüte es selbst. Nicht als Verlust in sich, sondern als Abwesenheit in einem Namen, der an ihr haftete wie ein Schatten.

Lorena fehlte etwas.

Und das hiße, dass Kaelen etwas mitgenommen hatte, was nie ihr gehört hatte – und doch an ihr haftete.

Ich ballte unbewusst die Hände. Zwang sie wieder zu öffnen. Ich durfte ihr nicht zeigen, wie sehr mich diese Erkenntnis zerfraß. Nicht jetzt. Nicht, solange sie selbst noch stand.

Sie lächelte immer noch schwach. Fast brüchig. Und doch wusste ich: Es war ihr Weg, mir zu sagen, dass sie noch da war. Mira. Nicht Lorena.

Und genau daran musste ich mich festhalten.

 

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