TnS(E) – 1.9.4 – Kapitel Neun – Konfrontation – Psy

Am Abend lag ich einfach wach im Bett und konnte keinen Schlaf finden. Nach diesem Tag war ich einfach duschen gegangen. Allen voran, um den Geruch vom Rauch abzuspülen, bevor ihn meine Eltern wittern konnten.

Während ich geduscht hatte, war ich in eine Art Trance gefallen. Die Welt um mich herum war in ein Grau gezogen. Ich sah, wie mein linker Unterarm plötzlich zu bluten begann. Wie das Blut einfach aus mir hinausfloss. Und sich mit dem Wasser in der Badewanne vermischte.

Genau in dem Moment, in dem ich fühlte, wie ich gleich zusammenbrechen würde, war ich wieder im Augenblick gewesen.

Nichts davon war geschehen.

Ich drehte mich von der einen Seite auf die andere. Diese Woche standen drei Klassenarbeiten an. Ich hatte mich auf alle davon vorbereitet. Doch fühlte es sich so an, als hätte ich nichts gemacht. Ich konnte mich an das Lernen erinnern. Wie ich erfolgreich die Aufgaben gelöst hatte. Ich sah die gelösten Aufgaben ohne Hilfsmittel auf meinem Papier. Aber das Wissen war dennoch nicht da.

Ich stand auf. Das brachte nichts. Ich ging auf den Balkon und blickte auf die Straße hinab. Das Verlangen zu rauchen war so stark, dass ich es kaum in Worte fassen konnte. Und doch zwang ich mich, zu widerstehen. Ich wusste, dass ich mir das jetzt nicht leisten konnte.  Nicht leisten sollte.

Irgendwo in der Ferne wurde wieder einmal ein russisches Familien-Drama ausgetragen. „Du lässt die Finger von meiner Tochter!“, rief irgendein wütender Vater auf Russisch. „Aber ich liebe sie!“ Ich verdrehte nur meine Augen. Wie oft konnte man dieses Drama austragen?

Und dann sah ich etwas. Direkt auf der Straße unter mir. Ich blinzelte und sah genauer hin.

Und da stand er. Sah mich einfach an. Und lächelte.

Nicht mit dem Mund, sondern mit den Augen.

Ich dachte nicht weiter über das nach, was ich tat.

Ich ging leise in mein Zimmer und tauschte mein Nachtkleid in normale Kleidung. Ich sah kuzrz ins Schlafzimmer meiner Eltern, die tief und fest schliefen. Ich wusste auch, dass sie genug getrunken hatte, um nicht aufzuwachen. Das genügte mir.

Und dann schlüpfte ich in meine Schuhe und ging runter.

Ich nahm nicht den Aufzug, denn den konnte man in unserer Wohnung hören. Ich lief die Treppe runter. Ohne Licht.

Als ich unten an der Tür ankam, stand Nick bereits dort. Dieses Mal war sein Gesichtsausdruck ernst.

Nachdem ich die Tür leise geschlossen hatte, kam er zu mir und umarmte mich einfach. Ich konnte nicht leugnen, dass mich diese Gesete überraschte. Das war neu.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ich konnte aber auch nicht sagen, dass mir das unangenehm war.

„Wie geht es dir?“, fragte er mich leise in mein Ohr flüsternd, ohne mich loszulassen. Er klang nicht so, als würde er wirklich wissen wollen, wie es mir ging. Es war auch keine Höflichkeit. Es hatte mehr etwas von einem Vowurf.

„Alles in allem, ganz annehmbar. Also den Umständen entsprechend“, antwortete ich ebenso leise. Ohne dabei so genau zu wissen, was ich ihm eigentlich damit sagen wollte. Etwas in mir wusste es. Etwas in mir wusste es. Aber ich dachte nicht darüber nach, um nicht wieder in die Kopfschmerzen zu schlittern.

Dann ließ er mich auf einmal los. Ich atmete kurz durch.

„Lass uns ein Stück laufen“, forderte er mich auf. Und hielt mir direkt seine Schachtel hin. Ich nahm eine und er zündete sie mir an. Dann liefen wir los.

Ich sah den Nachthimmel an. Er war dunkel und klar. Keine Sterne am Himmel. Es hatte etwas Beruhigendes an sich.

Ich erwartete, dass er mir mir in den nahen Wald ging, in dem wir schon so viel Zeit zusammen verbracht hatten. Doch stattdessen führte er mich auf einen Spielplatz. Nicht weit von dem Wohnblock, in dem ich lebte.

Gemeinsam kletterten wir auf das Klettergerüst, das dort mitten im Sand stand. Es sah ein wenig aus wie ein komplexes, mehrschichtiges Spinnennetz. Wobei ich die Einzige war, die so eine Sicht darauf hatte. Wir kletterten nicht ganz nach oben, sondern blieben im mittleren Raum sitzen.

„Die Rede war davon, dass du zu kleinen Details nicht ‚Nein‘ sagen würdest“, begann er. „Das, was du heute getan hast, war mehr als nur ein kleines Detail“, fügte er dann noch an.

Ich zuckte nur mit den Schultern. Ich war wirklich dankbar für die Zigarette. Ich bemerkte jetzt erst, dass etwas in meinem Inneren zitterte. Etwas, dass die Tragweite durchaus erfasste. Und dennoch fühlte ich nichts.

Er griff in seine Jacke und holte etwas heraus.

„Hier. Trink“, sagte er und reichte mir einen Flachmann.

Ich öffnete ihn und trank.

 

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