Die Tage nach dieser Nacht waren anders. Ich verließ auch weiterhin das Haus nicht. Er ging. Er kam. Und ich begann, ohne großartig darüber nachzudenken, mich um den Haushalt zu kümmern. Er brachte Lebensmittel mit. Ich kochte. Und vermied dabei die moderne Technik, die in meiner Welt nur Science Fiction war. Ich hatte das einfach anhand seines Einkaufsverhaltens entschieden. Hätte er etwas aus dem Essensdrucker oder der Zaubermikrowelle gewollt, hätte er etwas dafür mitgebracht.
Ich dachte nicht über die Schritte nach, die uns bevorstanden. Ich wusste, dass es nicht an der Zeit war. Der Moment würde kommen. Und wir würden ihn beide spüren. Wie es immer der Fall gewesen war. Nur mit dem Unterschied, dass wir ihn dieses Mal bewusst gehen würden.
Ich wusste, dass ich hätte gehen können. Ich wusste, dass er mich nicht davon abhalten würde. Ich wusste auch, dass ein Teil von ihm sich wünschte, dass ich einfach in meine Welt zurückkehrte. Ein normales Leben lebte. Aber der Preis dafür wäre, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Ich wusste, dass er bereit dazu war. Und ich wusste, dass ich es nicht war.
Als er an diesem Tag zurückkam, war er anders. Schweigsamer als sonst. Wobei man das bei ihm nicht wirklich als eine Messlatte verwenden konnte. Er hatte selten mehr als nötig geredet. Und die letzten Nächte…
Ich wusste, dass sie eine Ausnahme gewesen waren. Wegen der Umstände, in denen wir uns beide befanden.
Und irgendwie war es auch so, als würden wir beide uns erst noch darin üben müssen, wirklich miteinander zu reden.
Er blieb am Türrahmen stehen. Zuerst sah er an mir vorbei. Dann sah er mich an. Und ich wusste, dass was auch immer er jetzt sagen würde: Es würde nichts Gutes sein.
Ich sah ihn an. Wir wussten beide, dass uns ein Blick genügte, um zu kommunizieren. Und doch hatten wir beide es in den letzten Tagen vermieden.
Genau in dem Moment, als er seinen Mund öffnete, klingelte es an der Tür. Sein Gesichtsausdruck kiptte augenblicklich. Und mein Herz setzte eine Sekunde lang aus.
Wir blieben still und regungslos stehen. Wir warteten. Als würden wir beide hoffen, dass die Person vor der Tür gehen würde. Und zur selben Zeit wusste ich: Das würde nicht passieren. Ich wusste, wer vor der Tür stand. Und ich hatte noch genau drei Sekunden, um mir zu überlegen, wie ich damit umgehen sollte.
Dann klopfte es. Nachdrücklich und stark. Drei Mal. Fest.
Er kniff seine Augen zusammen.
„Elyon. Mach die Tür auf. Ich bin’s nur“, ertönte eine strenge Stimme hinter der Tür, die keine Widerrede duldte. Und die wir beide nur zu gut kannten.
Elyon atmete tief durch. Wir wussten beide, dass er keine Wahl hatte, als die Tür zu öffnen. Bevor er ging, warf er mir noch einen Blick zu, der mir sagte: Versteck dich. Bitte. Verschwinde zur Not. Aber bitte, lass sie dich nicht finden.
Doch ich blieb.
Elyon öffnete die Tür. Kaelen trat ein und schloss sie hinter sich, ohne, auf eine Reaktion von Elyon zu warten. „Der Rat schickt mich. Wir müssen über Mira reden“, begann er direkt.
Ich hörte, wie Elyon ihm leise etwas antwortete. Ich blieb regungslos stehen. Ich hörte seine Worte nicht. Aber ich spürte die Vibration, die sie in meinem Inneren auslösten.
„Hast du gekocht?“, hörte ich Kaelen dann auf einmal überrascht fragen. Das war nicht gut. Das war alles andere als gut.
Und ehe ich etwas tun konnte, hörte ich, wie Kaelen sich auf den Weg zur Küche begab. Dich gefolgt von Elyon. In dem Moment, als mich seine Unruhe berührte, geschah etwas in mir. Es fühlte sich so an, als würde sich mein Herz versteinern.
Und dann stand Kaelen vor mir und starrte mich an. Ich hielt seinem Blick stand. Ich brauchte nicht zu Elyon zu blicken, um zu wissen, dass er bereits in seinem Inneren um das korrekte kontrollierte Verhalten rang. Ich spürte, dass er ganz genau wusste, was ich von ihm erwartete. Und das er es nicht tun wollte.
„Lorena!“, rief Kaelen überrascht und zugleich voller Verachtung aus. „Was machst du hier?“, fuhr er mich wütend an und seine Augen funkelten dunkel.
„Ich bin im Auftrag des Schattenrats hier. Vermutlich aus demselben Grund wie du“, antwortete ich ihm ruhig. Kaelen schnaubte herablassend. „Was geht die Angelegenheit den Schattenrat an?“, verlangte er zu wissen.
„Ihr seid nicht die einzigen, die mit Mira ein Hünchen zu rupfen habt“, antwortete ich schlicht und kalt. Und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen.
Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Du bist also im Auftrag des Schattenrats hier“, wiederholte er. Dabei sah er mich, dann das Essen und dann Elyon an.
Und sein Blick in Elyons Richtung trug den deutlichen Gedanken, denn ich deutlich hören und mit jedem Ton hören konnte: Weiß deine kleine Mira, dass du dir deine Zeit mit der da vertreibst, während sie weg ist?
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