TnS(E) – 1.8.6 – Kapitel Acht – Sehnsüchte – Ratssitzung: Hinterzimmerprotokoll (nicht offiziell archiviert)

Ein paar Stimmen nickten zustimmend. Andere murmelten Ablehnung. Der Raum vibrierte vor Zwietracht.

„Vielleicht unterschätzt ihr das Mädchen“, meldete sich die Frau mit der Brille. „Sie hat sich selbst vorbereitet. Nicht durch Unterricht, sondern durch Erinnerung. Fragmente, die nicht von hier stammen. Fragmente, die wir nie hätten zulassen dürfen.“

Ein leises Auflachen, bitter. „Ihr redet, als ob sie eine alte Seele wäre, die einfach wieder da ist. Ein Kind ist ein Kind. Juu ist nicht mehr als das.“

„Ein Kind, das den linken Schwur kennt“, entgegnete die Brillenfrau scharf. „Sag mir, woher. Sag es mir!“

Schweigen folgte. Schwer und drückend.

Am Rand des Raumes fühlte der junge Schreiber, wie sein Mentor sich kaum merklich bewegte. Die Lippen zu einem schmalen Strich gepresst. Er wusste, dass er es auch dachte: dass niemand in diesem Kreis zugeben wollte, dass sie eine Möglichkeit übersehen hatten.

Vielleicht“, hob schließlich eine sanfte, beinahe zögernde Stimme an, „ist es kein ‚Wer‘, sondern ein ‚Was‘. Ein Muster, das sie selbst gefunden hat. Ein Echo, das sie trägt.“

Einige lachten nervös. Andere sahen alarmiert auf.

„Dann“, sagte der Mann am Kopfende, kalt, „hätte sie Zugang zu etwas, das verschlossen bleiben sollte. Und das macht sie gefährlicher, als jeder Mentor sie machen könnte.“

Der Schreiber senkte den Blick auf seine Tafel. Zwang sich, nicht zu reagieren. Denn er wusste, dass genau dort in den Akten die Spuren lagen – kleine, widersprüchliche Einträge, die auf ein Echo hindeuteten. Aber wenn er es sagte, würde er morgen nicht mehr hier stehen.

„Und was ist mit Elyon?“, warf einer plötzlich ein, mit einem Unterton, der nicht nach echter Frage, sondern nach einer altbekannten Anschuldigung klang. „Hat er sie vorbereitet?“

Ein paar Augen verdrehten sich. Andere lachten leise auf.

„Natürlich“, kam die spöttische Erwiderung aus den hinteren Reihen. „Wenn irgendwer etwas Unvorhergesehenes tut, dann war es Elyon. Wer sonst?“

„Wir haben es schon bei Mira gesagt“, ergänzte eine andere Stimme. „Und bei den Zwischenfällen davor. Immer wieder taucht sein Name auf, als wäre er der unsichtbare Faden, der alles zusammenhält.“

„Vielleicht“, brummte einer, „weil er es tatsächlich ist.“

Der junge Schreiber am Rand musste sich das Grinsen verkneifen, das ihm in die Kehle stieg. Selbst in dieser ernsten Runde klang es wie ein Ritual: Sobald etwas nicht ins Raster passte, musste Elyon der Schuldige sein. Es war fast schon ein Running-Gag – nur dass keiner lachte, wenn sie es sagten.

„Es gibt keine Beweise“, stellte schließlich die Frau mit der Brille kühl klar. „Aber wie immer liegt sein Schatten über dem Geschehen.Und das reicht, um ihn unter Beobachtung zu halten.“

Der Mann am Kopfende nickte knapp. „Dann halten wir es wie immer fest: Verdacht Elyon. Akte ergänzen. Prüfung offen.“

Ein Rascheln ging durch die Runde, als mehrere gleichzeitig Notizen machten. Für die Ratsmitglieder war es Routine. Für den Schreiber am Rand aber war es mehr als das – ein Zeichen, dass selbst hier niemand wagte, die Wahrheit von der Bequemlichkeit zu trennen.

„Also was schlagen wir vor?“ Die Frage hing schwer im Raum. Doch jeder wusste, dass es keine offene Wahl war, sondern nur eine Abfolge von Nuancen, wie hart man den nächsten Schritt setzen würde.

„Überwachung allein reicht nicht“, sagte die Frau mit Brille. „Sie hat den Eid geleistet. Und wir haben immer noch keine Erklärung für die linke Hand. Wenn wir nur beobachten, läuft sie uns davon.“

„Und der Lehrer?“, warf einer ein. „Er sollte doch…“

„Nein“, schnitt sie ihm das Wort ab. „Nicht er. Es bringt nichts, den Boten zu prüfen. Wir brauchen die Quelle.“

„Elyon.“ Das Wort fiel diesmal ohne Spott, sondern wie ein Stein.

Mehrere nickten. Einige langsamer. Andere sofort. Als hätten sie nur darauf gewartet.

„Offiziell“, sagte der Mann am Kopfende, „geht es um Mira. Er selbst hat ihre Spur gemeldet, also wird er befragt. Das ist legitim.“

„Und inoffiziell“, ergänzte die Brillenfrau, „prüfen wir, wie er reagiert, wenn wir ihn mit Juu konfrontieren. Wenn er ausweicht, wissen wir, dass er tiefer drinsteckt. Wenn er offen antwortet…“ Sie zuckte mit den Schultern. „Dann wissen wir, wie gut er lügen kann.“

Ein leises Lachen ging durch die Runde. Scharf. Unangenehm.

„Also Loyalitätstest.“