TnS(E) – 1.8.6 – Kapitel Acht – Sehnsüchte – Ratssitzung: Hinterzimmerprotokoll (nicht offiziell archiviert)

Der Raum war eng, ohne Bücherregal. Nur ein schmaler Tisch, auf dem eine einzige Lampe brannte. Kein Protokollbuch, kein Schreiber – nur Worte, die nie den offiziellen Saal erreichen sollten.

„Julia hat den Eid gesprochen.“ Die Stimme des Mannes war schneided. Ohne Einleitung. Ohne Umschweife.

„Juu“, korrigierte eine Frau neben ihm, fast beiläufig. „So nennt sie sich doch unter Gleichaltrigen.“

Ein Raunen, ein leises Lachen, das nicht heiter war.

„Egal, welchen Namen sie trägt – sie hat ihn gesprochen. Und das ohne Aufforderung, ohne Abwarten. Als hätte sie gewusst, was zu tun ist.“

„Oder, als hätte jemand es ihr beigebracht“, warf eine andere Stimme ein. Tiefer. Misstrauisch. „So etwas kommt nicht von allein.“

„Und die ausgestreckte Hand?“, fragte ein Dritter. „Links, nicht rechts. Das ist kein Reflex. Das ist ein Zeichen.“

Stille. Niemand wagte, den Satz weiterzudenken.

Und dann gab es einen Riss, als würde die Szene erneut von vorne beginnen.

Der Raum war klein. Die Wände kahl. Die Luft schwer von altem Rauch. Keine Bücherregale, keine Protokollbände – nur ein Tisch, der die Anwesenden voneinander trennte. Und eine einzige Lampe, deren Licht ein hartes Oval auf das Holz zeichnete.

„Julia hat den Eid gesprochen“, begann einer, die Stimme ohne Einleitung, ohne Umschweife.

Ein kurzes Aufraunen, dann ein trockenes Lachen von der linken Seite. „Juu. So nennt sie sich doch. Julia ist der Name, den wir ihr gegeben haben. Juu ist der, den sie gewählt hat.“

„Und?“, fauchte eine Frau mit scharfen Zügen. „Glaubt ihr, das sei Zufall? Ein Kin in diesem Alter schwört nicht so. Nicht so glatt. Nicht so kalt.“

„Sie war nicht kalt“, widersprach ein anderer, zögernd. „Eher… zu ruhig. Als hätte sie den Schwur schon hundert Mal in sich selbst gesprochen, bevor sie ihn hier laut machte.“

Der Satz hing schwer in der Luft. Einige nickte langsam. Andere schüttelten ungläunig den Kopf.

„Sie ist vorbereitet“, murmelte schließlich jemand. „Vom wem? Der Lehrer? Oder…“ Er brach ab, ließ den Rest unausgesprochen.

Am Rand des Raumes stand der junge Schreiber. Dicht neben seinem Mentor. Seine Finger hielten die Wachstafel fester als er wollte. Er wusste mehr, viel mehr – Spuren, die er in den Akten gefunden hatte, die diesen Verdacht bestätigen oder wiederlegen könnten. Doch er wagte nicht zu sprechen. Seine Kehle fühlte sich zugeschnürt an. Er war nur hier, weil sein Mentor ihn mitgenommen hatte. Und schon seine Anwesenheit war Ausnahme.

„Und dann die Hand“, fuhr die Frau mit der Brille fort. „Die Linke, nicht die Rechte. Jeder von uns kennt die Bedeutung. Kein Zufall. Niemals.“

Ein Murmeln. Diesmal leiser. Schwerer.

„Das heißt“, sagte der Mann am Kopfende, „sie kennt die Muster. Entweder jemand hat sie unterrichtet, oder sie erinnert sich. Beides ist gefährlich.“

Der Schreiber sah, wie sein Mentor leicht nickte. Zustimmend. Aber mit einem Ausdruck, der verriet, dass er eine andere Wahrheit im Kopf bewegte.

„Es muss der Lehrer gewesen sein“, sagte einer mit rauer Stimme. „Er war die ganze Zeit an ihrer Seite. Er brachte sie in den Saal. Wer, wenn nicht er?“

„Unsinn“, widersprach eine Frau sofort, die Hände fest verschränkt. „Er hate keine Gelegenheit, so tief zu gehen. Und außerdem – er wirkte überrascht. Fast überrollt von ihrem Verhalten.“

„Überrollt?“ Ein anderer beugte sich vor, die Augen funklend. „Oder hat er genau das gespielt? Überraschte Unschuld, damit wir nicht merken, wie weit er sie bereits geformt hat?“