Ich blieb noch einen Moment still liegen. Ihr Vorschlag war kein gewöhnlicher Wunsch nach einem Spaziergang oder einer Ablenkung. In dem Augenblick, in dem sie aussprach, wusste ich, ass sie dieselbe Ahnung hatte wie ich: dass zwischen den Welten Fäden gespannt waren, die wir nur gemeinsam betreten konnten.
„Dann machen wir das“, sagte ich schließlich und drehte den Kopf leicht zu ihr. „Aber wir tun es nach meinen Regeln.“ Sie runzelte kaum merklich die Stirn, als hätte sie Worte erwartet.
„Meine Regeln“, wiederholte ich ruhig, „bedeuten: Wir beobachten zuerst. Wir berühren nichts. Wir öffnen nichts. Wenn wir Spuren verfolgen, dann nur wie Schatten – nie wie Jäger.“
Sie nickte sacht. Und zum ersten Mal seit Tagen glaubte ich so etwas wie ein Echo von Zustimmung in ihr zu spüren.
Vielleicht auch nur meine eigene Hoffnung.
Ich fuhr fort: „Wenn wir Orte besuchen, die sich mit dem Efir überlagern, dann müssen wir wissen, dass wir dort nicht allein sind. Und dass jeder Blick, den wir erfen, von jemand anderem zurückgeworfen werden kann.“
Meine Stimme war leise, fast flüsternd. Ich spürte, wie schwer es mir fiel, diese Vorsicht nicht mit Angst zu verwechseln. Aber wenn sie wieder verschwände – diesmal vielleicht für immer – dann würde ich mich selbst nicht mehr retten können.
„Morgen“, schloss ich, „wählen wir den ersten Ort. Aber heute… bleibst du einfach hier. Neben mir. Damit ich sicher bin, dass du wirklich da bist.“
Sie zuckte leicht. Dann sagte sie: „Dir ist schon bewusst, dass ich deine Regeln kenne? Und dass ich sie nicht mit Absicht verletze? Es passiert einfach.“
Ich drehte den Kopf wieder zurück zur Decke, damit sie meinen Gesichtsausdruck nicht sah. Sie hatte recht. Sie kannte meine Regeln beser als irgendjemand sonst. Und sie war auch die Einzige, der ich zutraute, sie einzuhalten – wenn es in ihrer Maht lag.
„Ich weiß, Mira“, antwortete ich leise. „Aber genau das ist der Punkt. Es passiert einfach. Und wenn es einfach passiert, dann bleibt mir nur die Vorsicht.“
Ich schloss die Augen für einen Moment. Hörte ihren Atem. Spürte die minimale Distanz zwischen uns. „Es geht nicht darum, dich zu belehren. Es geht darum, dass ich nicht zusehen kann, wie du dich wieder verlierst, während ich danebenstehe und nichts tue.“
Ich öffnete die Augen wieder und starrte in die Dunkelheit über uns. „Also musst du es aushalten, dass ich Regeln wiederhole, die du längst in- und auswendig kennst. Weil es das Einzige ist was mich davor schützt, in Panik zu geraten.“
„Elyon“, flüsterte sie leise. Als wäre sie nicht sicher, wie sie mit dem Moment umgehen sollte.
„In der Zeit, in der ich weg gewesen bin, habe ich bestimmte Dinge gelernt. Bestimmte Mechanismen. Ich werde nicht verschwinden.“ Dann sagte sie nichts. Und berührte nur ganz leicht meine Hand mit ihren Fingern.
Ihre Fingerspitzen waren kaum mehr als einen Hauch auf meiner Haut. Und doch fuhr es mir durch den ganzen Körper. Ein Teil von mir wollte sofort darauf reagieren. Ihre Hand ergreifen. Sie festhalten. So fest, dass sie nie wieder entgleiten konnte.
Aber ich zwang mich, still zu bleiben. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die Wärme, die zwischen unseren Händen entstand. Winzig, fast unsichtbar – aber da.
„Das hoffe ich“, murmelte ich. Meine Stimme klang tiefer, als ich beabsichigt hatte. „Doch Mechanismen…“Ich stockte kurz. Suchte nach Worten, die sie nicht als Angriff hören würde. „Mechanismen schützen dich nur, solange du die Kraft hast, sie aufrechtzuerhalten. Wenn dich etwas bricht, dann verschwinden sie wie Rauch.“
Ich atmete langsam durch. Und diesmal drehte ich den Kopf tatsächlich zu ihr. Ihre Augen lagen im Halbdunkel. Aber der Blick darin war klarer, als ich erwartet hatte.
„Wenn du also sagst, du wirst nicht verschwinden… dann brauche ich mehr als dein Wort. Ich brauche den Beweis, dass du es auch gegen dich selbst halten kannst.“
„Das ist etwas, dass man nicht einfach so beweisen kann“, erwiderte sie nur. Und verschränkte plötzlich ihre Finger mit meinen. „Die wohl einfachere Lösung wird sein, darauf zu achten, dass dir nichts passiert. Ich erkläre es dir, wenn wir in der Kammer unter Bibliothek sind.“
Ihre Finger schlossen sich um meine. Und in diesem Augenblick fühlte es sich nicht mehr nach einem flüchtigen Kontakt an, sondern nach einer stillen Entscheidung. Einem Versprechen, das mehr wog als die Worte.
„Die Kammer…“ Ich wiederholte es langsam. Fast so, als müsste ich prüfen, ob sie den Ort wirklich meinte, den ich im Kopf hatte. Nur wenige wussten davon. Und noch weniger hatten den Mut, ihn überhaupt zu betreten.
„Wenn du mich dorthin führen willst“, fuhr ich fort, leiser jetzt, „dann heißt das, du hast etwas gesehen, das größer ist als die Angst, dort entdeckt zu werden.“
Ich drückte ihre Hand ein Stück fester. Nicht besitzergreifend. Sondern, damit sie spürte, dass ich bei ihr war. „Also gut. Die Kammer unter der Bibliothek. Aber nicht, weil ich neugierig bin.“ Ich hielt inne. Atmete ruhig durch. „Sondern, weil ich dir glaube.“
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