TnS(E) – 1.8.1 – Kapitel Acht – Sehnsüchte – Mira

„Dann lernen wir eben, wie man fühlt, ohne dass sie es merken.“

Seine Worte hallten in mir nach und war schwierig für mich, darauf keine Reaktion zu zeigen. Denn sie hatten sich beinahe so angehört, als hätte er eingeräumt, Gefühle für mich zu haben, die den Rahmen unseres bisherigen Zusammenseins überschritten. Und auf eine seltsame Art und Weise fühlte es sich befreiend an.

An den Tag konnte ich mich kaum erinnern. Ich wusste noch, das ich geschlafen hatte. Über so viele Stunden hinweg, wie es nur selten der Fall war. Ich konnte nicht sagen, dass es mir gutgetan hatte. Es hatte sich eher verstörend angefühlt, einfach traumlos zu ruhen.

Ich wachte erst am nächsten Morgen wieder auf. Als Elyon einfach aufgestanden war. Ich wusste, dass er sich neben mich gelegt hatte. Und ich wusste auch, dass er selbst kein Auge zugetan hatte. Gerade, weil ich keinerlei Resonanz von ihm gespürt hatte, wusste ich, wie tief seine Sorge über all das reichte. Auch wenn ich nicht wusste, ob diese Sorge mir oder der Situation — und der damit verbundenen Gefährdung seiner Position – geschuldet war.

Er ging zur Arbeit. Und kam nach einigen Stunden wieder zurück. Er ging direkt in die Küche, ohne ein Wort zu mir zu sagen. Und kam einige Zeit später zu mir zurück. Mit einer Kartoffelsuppe, oder etwas dem Ähnlichem. „Du musst was essen. Du brauchst Kohlenhydrate“, erklärte er mir ruhig. Und gleichzeitig war da diese Art von Ton, die keinerlei Widerrede duldete. Und so würgte ich die Suppe runter.

Sie schmeckte besser als sie aussah. Und doch fiel es mir so unendlich schwer, sie zu mir zu nehmen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich zuletzt gegessen hatte.

Die nächsten drei Tage wiederholte sich dieses Spiel. Wir sprachen kaum ein Wort miteinander. Wenn er mir etwas in der Wohnung zeigte, dann meistens nur durch Handbewegungen. Als würde er sich davor fürchten, auch nur ein Wort zu sagen. Auch alle Spiegel nahm er ab. Was ich ihm nicht verdenken konnte.

Insbesondere in den Nächten ließ er mich nicht allein. Als würde er fürchten, dass ich mich plötzlich wieder in Luft auflösen könnte. Vielleicht fürchtete er auch etwas anderes. Wir wussten beide, dass gerade die Nächte für Menschen wie uns, die größte Gefahr darstellte. Nicht, weil wirklich etwas geschehen konnte. Sondern, weil die Nächte für uns imer im Efir spielten – dem tragenden Feld, an dem absolut alle hing. Und in dem wir beide tätig waren.

Die Tage darauf verbrachte ich allen voran mit Büchern. Es wunderte mich, dass er so viele Bücher hatte. Seine Welt hatte etwas von „Fahrenheit 451“. Allerdings traute ich mich auch nicht, auch nur irgendein technisches Gerät anzufassen. Zum einen aus Respekt vor seiner Privatsphäre. Zum anderen, weil jede Technik auch ein Spiegel war und damit auch ein Portal sein konnte.

Es war die siebte Nacht bei ihm.

Wir lagen nebeneinander in seinem Bett. Beide auf den Rücken. Beide an die Decke starrend. Wie all die Nächte zuvor auch schon.

Rückblickend wusste ich nicht, was mich dazu geritten hatte. Doch irgendetwas in mir hielt das Schweigen nicht mehr aus. Auch wenn ich kaum ewas fühlte, erinnerte ich mich daran, was ich im Efir gefühlt hatte. Vor allem, während meiner Ausbildung bei ihm. Ich hatte nie verstanden, warum er mich gewählt hatte. Im Grunde hatte das niemand so genau verstanden.

Ich sprach ihn nicht an. Ich drehte mich einfach auf die Seite, um ihn ansehen zu können. Wie er ruhig da lag. Und keinerlei Reaktion über meine Bewegung zeigte.

„Elyon?“, sagte ich leise. Ohne zu wissen, was ich ihm eigentlich sagen wollte.

„Ja?“, kam die leise Antwort. Ich atmete kurz ruhig durch. Eigentlich wollte ich mit ihm über ganz andere Dinge sprechen.

Doch stattdessen hörte mich selbst sagen: „Als was arbeitest du hier?“

Sein Mundwinkel zuckte. Es wirkte beinahe schon belustigt.

„Willst du das wirklich wissen?“ – „Ja.“ – „Im Grunde dasselbe wie im Efir.“

Nun konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Und irgendetwas in meinem Inneren entspannte sich. Seine Antwort sollte mich wundern. Tat es aber nicht wirklich.

Allein schon aus dem Grund, dass in dieser – seiner – Welt der Efir, oder Astrale, oder Äther, wie sie in meiner Welt genannt wurden, hier kein mystisches Etwas war. Hier wurde sie anerkannt.

Ich wollte noch etwas sagen. Oder fragen. Mir fiel nichts ein.

„Ich würde gerne mit dir hier ein paar Orte besuchen. Denkst du, dass sich das einrichten ließe?“, hörte ich mich dann selbst fragen. Und sah, wie er kurz, kaum zu bemerken, Luft holte.

„Welche Orte?“, fragte er leise.

„Dieselben, wie im Efir. Ich denke, wir müssen da eine Spur verfolgen, so lange wir die Gelegenheit haben.“

 

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