TnS(E) – 1.7.7 – Kapitel Sieben – Sichtweise – Archiv-Ebene (Sitzung)

„Es ist bestätigt“, sagte die Frau mit der schmalen Brille, während sie den Eintrag vorlas.

„Subjekt Julia – Schülerakte, Rufname Juu – wurde offiziell registriert.“

Ein Murmeln ging durch die Reihen. Papiere raschelten. Stühle knarrten.

„Vom wem?“, fragte eine Stimme aus dem Hintergrund.

„Von ihm“, antwortete die Frau knapp. Mehr musste sie nicht sagen. Alle wussten, wer gemeint war.

„Unfassbar“, knurrte ein alter Mann. „Die freie Wahl – und er trägt ausgerechnet sie ein?“

„Er hat nicht nur gewählt“, erwiderte jemand anders. „Er hat es eingetragen. Das Protokoll führt es bereits.“

Eine kurze Stille legte sich über den Raum.

Jeder wusste, was das bedeutete: Rükgängig zu machen war es nicht mehr.

„Und Elyon?“, fragte eine dritte Stimme, vorsichtig.

„Nicht direkt beteiligt“, kam die Antwort. „Aber sein Name taucht wiederholt im selben Zyklus auf.“

„Verdacht?“

„Steigend.“

Ein Räuspern, dann das Klappen einer Mappe.

„Gut. Dann wissen wir, worauf wir achten müssen. Psy… oder Julia, oder wie auch immer sie sich nennen will… steht jetzt unter Beobachtung.“

In diesem Moment hob jemand die Hand. Ein junger Archivar, viel zu jung für diesen Kreis, der eigentlich nur als Schreiber diente.

„Entschuldigung“, sagte er zögernd, „aber… wenn es im Protokoll steht, dann gilt es doch als Fakt. Aber was, wenn das Protokoll irrt?“

Ein Raunen, fast schon ein empörtes Auflachen, ging durch den Raum.

„Das Protokoll irrt nicht“, blaffte der alte Mann.

„Aber…“, der Junge hielt inne, dann wagte er es doch: „…wenn sie gar nicht Julia ist?“

Die Stille, die daraufhin folgte, war von einer ganz anderen Sorte.
Nicht empört, nicht ungläubig – sondern schwer, lauernd, gefährlich.

Die Frau mit der Brille klappte ihre Mappe zu.

„Genug. Wir beobachten. Mehr braucht es jetzt nicht.“

Der junge Archivar blieb, als die anderen längst gegangen waren.

Die Halle war still. Nur das leise Kratzen seiner Feder auf dem Papier erfüllte den Raum.

Eigentlich sollte er die Mitschrift des Tages protokollieren. Wie immer.

Doch seine Gedanken hingen an der Frage, die er laut ausgesprochen hatte – und am Schweigen, das ihr gefolgt war.

Was, wenn sie gar nicht Julia ist?

Er blätterte die Akten durch. Eine nach der anderen.

Manche Einträge wirkten lückenhaft. Andere schienen doppelt geführt.

Und wieder andere waren fast schon zu sauber – so glatt und fehlerfrei, dass sie verdächtig wirkten.

Je länger er suchte, desto mehr Hinweise fand er.

Unstimmigkeiten, die alle auf dieselbe Stelle wiesen.

Unterschiedliche Namen. Unterschiedliche Orte. Unterschiedliche Zeiten.

Aber immer wieder dieselbe Spur.

Und er wusste: Er durfte das nicht melden.

Denn wenn er es täte, würde man ihn mundtot machen, noch ehe er den Satz ausgesprochen hätte.

Also begann er, heimlich eigene Aufzeichnungen zu führen.

Seine eigene Karte des Netzes, das er hier Stück für Stück entdeckte.

 

Meta-Notiz:
– Der Eintrag zu Julia/Juu wurde ohne Gegenstimme übernommen.
– Entscheidung gilt als bindend.
– Keine Klärung zur Frage der Identität.

Nebenvermerk:
Ein jüngerer Archivar hat sich ungewöhnlich stark mit den Akten befasst.
Offiziell weiter als Schreiber geführt.
Inoffiziell: auffällige Aktivitäten nach Sitzungsende.
Beobachtung empfohlen.

 

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