TnS(E) – 1.7.2 – Kapitel Sieben – Sichtweise – Mira

Schweigend saß ich auf Elyons Bett und wartete. Eigentlich hatte ich darauf gewartet, dass er sich irgendwann einmal in seiner eigenen Wohnung blicken ließ.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Ich wusste nur, dass ich irgendwann so tief in Gedanken versunken war, dass ich im Grunde gar nichts mehr um mich herum wahrnahm.

„Was machst du hier?“, riss mich auf einmal seine Stimme in die Gegenwart zurück. Seine Frage war nicht laut gewesen. Viel eher ein leises Flüstern. Und doch durchdrang sie meine gesamte Substanz. Meinen gesamten Körper. Der inzwischen wieder wirklich ein echter Körper war.

Es gab so viele Dinge, die ich ihm hatte sagen wollen. Die ich ihm hatte erzählen wollen. Die ich zig Mal in Gedanken durchgegangen war, um sie so zu formulieren, dass sie ihn nicht in eine verlegene Situation oder in Schwierigkeiten brachten. Und eigentlich wollte ich ihm eine Warnung überbringen.

Aber jetzt, wo er vor mir stand, brachte ich kein Wort heraus.

Ich schatte es noch nicht einmal, ihn anzuehen.

Elyon blieb eine Weile lang einfach nur stehen. Ich konnte deutlich spüren, dass er mich ansah. Direkt ansah. Was an sich schon selten genug vorkam. Und ich wusste auch, dass ihn Momente wie diese maßlos überforderten.

Ich hob meinen Kopf leicht. Ließ ihn dann aber wieder sinken.

Ich spürte – ich hörte – wie er sich in Bewegung setzte.

Etwas in meinem Inneren verkrampfte sich.

Er setzte sich nicht neben mich.

Er hielt direkt vor mir. Und ging dann in die Hocke, so dass wir auf Augenhöhe waren.

Eine Weile lang saßen wir schweigend so da.

„Willst du mir sagen, was passiert ist?“, fragte er nur knapp. Das war einer der Momente, in dem sein strenger Tonfall durchkam. Ich konnte es ihm noch nicht einmal übel nehmen. Das war eben der Ton, der am besten auf mich wirkte. Der mich schon immer sofort wieder in den Augenblick zurück gezwungen hatte. Zumindest, wenn er von ihm kam. Er war immer der Einzige gewesen, der diese Wirkung auf mich gehabt hatte. Der Einzige, auf den ich jemals wirklich gehört hatte.

Ich schwieg.

Nicht, weil ich wirklich wollte.

Ich schaffte es nur noch immer nicht, meine Lippen zu bewegen. Oder meinen Körper.

Hier waren gerade Mal drei Tage vergangen.

Für mich waren es mehrere Jahre gewesen.

Und dann…

Legte er auf einmal einen Finger an meinen Kinn. Zog leicht mein Gesicht hoch. So, dass ich nicht mehr nach unten blickte. Ich kniff instinktiv meine Augen zusammen.

„Mädchen. Sieh mich an“, forderte er mich mit derselben Strenge auf.

Doch dieses Mal hatte sich noch etwas anderes in seine Stimme gemischt: Sorge.

Und so öffnete ich meine Augen.

Sah ihn an.

Und erst jetzt wurde mir bewusst, dass mein Verhalten einen simplen Grund gehabt hatte: Ich wollte nicht vor ihm weinen.

Aber jetzt, wo ich ihm in die Augen sah, zum ersten Mal bewusst in unserer gesamten Zeit, fühlte ich einfach nichts.

Und die Sorge, die in seinen Augen lag, traf mich dermaßen tief, dass ich für einen Moment vergaß zu atmen.

 

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