Ihre Augen trafen meine. Und doch war da nichts.
Keine Wut. Keine Träne. Nicht einmal die vertraute Unruhe, die sie sonst immer umgab.
Nur ein stilles Vakuum, das mir kälter vorkam als jeder Verlust.
Ich hielt ihren Blick fest. Länger, als ich es jemals getan hatte.
Nicht, um sie zu zwingen – sondern, um sicher zu sein, dass sie überhaupt noch hier war.
Dass sie nicht schon wieder verschwunden war. Nur diesmal in sich selbst.
Ich hatte sie oft schweigen sehen.
Aber nie so.
Nie so, als hätte selbst ihr Atem vergessen, wie er funktioniert.
Mein Finger ruhte noch immer an ihrem Kinn.
Ich spürte, wie leicht sie zitterte – kaum sichtbar, aber spürbar.
Und in meinem INneren schrie alles danach, sie festzuhalten.
Doch ich wusste, dass zu viel Nähe sie genauso zerbrechen konnte wie zu wenig.
Also blieb mir nur die Frage, die schon längst in mir brannte:
Wie lange kannst du das noch aushalten, Mädchen?
Ihre Stimme schnitt durch die Stille.
Leise, aber mit einer Klarheit, die mich innehalten ließ:
„Du hast mich schon lange nicht mehr Mädchen genannt.“
Es traf mich unvorbereitet.
Nicht wegen der Worte selbst – sondern wegen des Tons.
So fern, als stünde sie drei Welten von mir entfernt.
Und doch so nah, dass ich spürte, wie sie sich an genau diesem Wort festhielt.
Ich hatte vergessen, wie viel Gewicht ein Name tragen konnte.
Und wie sehr sie ihn brauchte, um nicht vollends zu verschwinden.
Meine Antwort kam langsam. Fast zögerlich.
„Dann hör zu, Mädchen.“
Ich ließ den Finger von ihren Kinn sinken. Aber mein Blick blieb an ihrem haften.
„Ich nenne dich so, weil du es bist. Und weil du nicht vergessen darfst, wer du warst, bevor all das begonnen hat.“
„Das ist es nicht. Es ist anders“, antwortete sie mir leise. Ihre Stimme – kaum mehr als ein Echo ihrer Selbst.
„Nur, wenn ich jetzt fühle, wissen sie, dass ich hier bin“, fügte sie mit leerer Stimme an.
Ihre Worte trafen mich tiefer, als ich zeigen konnte.
Nur, wenn ich jetzt fühle, dann wissen sie, dass ich hier bin.
Ich spürte, wie mir ein kalter Schauer über den Rücken hinunterlief.
Sie hatte Recht.
So etwas konnte man nicht lernen – das wusste man nur, wenn man es schon einmal durchlitten hatte.
Dass selbst die kleinste Regung, ein Atemzug zu viel, genügte, um die Aufmerksamkeit jener zu wecken, die man am wenigsten sehen wollte.
Und sie sprach es aus. So nüchtern, so klar, als wäre es längst Teil ihres Alltags geworden.
Das war es, was mich erschütterte: Nicht die Angst, sondern die Gewöhnung.
Ich zwang mich, nicht wegzusehen.
Nicht jetzt.
Nicht bei ihr.
„Dann lernen wir“, sagte ich schließlich leise, fast flüsternd.
„Wie man fühlt, ohne, dass sie es merken.“
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