Es fiel mir schwer, mich im Unterricht zu konzentrieren. Genau genommen, fiel es mir schwer, mich auch nur auf irgendetwas zu konzentrieren.
Mein Leben nahm irgendwie Dynamiken an, die sich meiner kompletten Kontrolle entzogen: Ich konnte mich erinnern, dass mich Menschen hier oft als „verträumt“ und „neben der Spur“ bezeichnet hatten. Aber ich konnte mich auch daran erinnern, wie ich kontrolliert den Alltag für einen exzellenten Abschluss gemeistert hatte. Und das mehr als nur einmal.
„Sie hat zu viel Fantasie“ war einer der häufigsten Aussagen, die ich in den letzten Wochen über mich selbst gehört hatte. Dabei hatte ich schon lange aufgehört zu sprechen. Das war auch gar nicht nötig. Irgendwie schienen die Geschichten, die die anderen über mich erzählten, meine beiden besten Freundinnen inklusive, ganz eigene Erzählungen zu sein. Und sie schienen mich auch nicht zu brauchen, um sie forzuführen.
Ich beschwerte mich nicht. Die Wortwahl, ich hätte zu viel Fantasie, war deutlich freundlicher formuliert, als der Vorwurf, ich sei eine Lügnerin. Aber wenn man noch nicht einmal mit seinen „besten Freundinnen“ offen sprechen konnte, die angeblich an übernatürliche Phänomene glaubten, mit wem dann?
Ich dachte an die Begegnungen mit Nick. Ich war an dem Punkt, an dem ich mir selber nicht sicher war, was eigentlich geschah. Ich saß auf der Schaukel. Und zwischen zwei Zigaretten-Zügen waren diese Momente mit ihm. Die sich zum Teil über Stunden zogen. Als wäre ich für einen Augenblick in einer anderen Welt.
Und mir war, als würde ich genau wissenm, was vor sich ging. Aber wenn ich versuchte, es für mich selber in Worte zu fassen, dann klang es entweder nach einem Science Fiction-Fantasy-Roman – oder aber, was viel häufiger der Fall war, endete es in massiven Kopfschmerzen.
„Julia, ich würde gerne mit dir noch ein Wort sprechen“, hörte ich auf einmal meinen Lehrer sprechen. Dabei hatte ich gar nicht mitbekommen, wie der Unterricht geendet hatte. Geschweige denn, wie ich begonnen hatte, den Raum zu verlassen.
Er wartete, bis sich der Raum geleert hatte. Und ich stand geduldig daneben und wartete. Irgendwie erschien mir im Augenblick ein Lehrer-Gespräch als deutlich angenehmer, als das, was mich draußen erwartete, auch wenn das Gespräch nicht nach der Sorte Gespräch klang, in der ich Lob zu erwarten hatte. Eher das Gegenteil. Ich wusste ja selber, dass meune Beteiligung am Unterricht stark zu wünschen übrig ließ.
Ich sah ihn genauer an. Ich versuchte mich an seinen Namen zu erinnern. Denn der Name, der mir durch den Kopf schoss, war es mit einiger Gewissheit nicht. Dafür klang er viel zu alt. Viel zu mystisch. Und vielleicht war auch das der Moment, der mir hätte zu denken geben sollen.
„Über dich gehen momentan sehr viele Gerüchte rum“, begann er vorsichtig. Ich seufzte. Ah. So eine Art von Gespräch sollte das werden. Na, super. Besser konnte mein Tag nicht mehr werden. Wenn er so begann, dann war das Eltern-Gespräch auch nicht mehr weit entfernt.
Ich sagte nichts. Ich wartete darauf, dass er weitersprach.
„Wenn auch nur die Hälfte davon stimmt…“, sprach er weiter. Und ich wartete weiter.
In der Zwischenzeit sah ich ihn mir näher an. Da war etwas an ihm. Die Art, wie er am Tisch gelehnt stand. Fast schon zu locker. Es erinnerte mich an jemanden. An einen weiteren Namen, an den ich noch nicht einmal denken wollte, weil er augenblicklich nicht Kopfschmerzen auslöste – sondern einen enormen Stich in meiner Brust.
„Ich werde mir gar nicht erst die Mühe machen, dir irgendwelche Geschichten zu erzählen. Dafür bist zu viel zu intelligent.“ Was? Was waren das für Töne? Ich sollte misstrauisch werden. Aber dieser Ton. Ich kannte ihn. Irgendwoher.
„Wenn du möchtest, kannst du mich jetzt zu einem Treffen mit einigen anderen begleiten. Wir befassen uns mit Themen, die etwas mehr bringen, als der Quatsch, den man hier in der Schule lernt. Und bei deinem Ruf als Hexe, wir es für dich sicherlich interessanter sein, als hier noch zwei weitere Stunden abzusitzen. Mach dir wegen deiner Abwesendheit keine Sorgen. Das regeln wir dann.“ Ich hatte den Ruf einer Hexe? Was soll’s. Auf ein Gerücht mehr oder weniger kam es auch nicht mehr an.
Aber ich konnte nicht leugnen, dass das, was er gesagt hatte, mein Interesse weckte.
Und so antwortete ich nur schlicht: „Einverstanden.“
Er schnalzte begeistert mit der Zunge.
Und dann liefen wir los.
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