TnS(E) – 1.6.4 – Kapitel Sechs – Sprünge – Psy

Eigentlich sollte ich den Bus nehmen. Ich sollte auf den Bus warten.

Aber ich hatte einfach keine Lust darauf.

Ich hatte mich nach dem Unterricht noch so sehr darüber gefreut, dass ich zeitig rausgekommen war. Dass ich den Bus noch schaffen würde.

Aber natürlich war alles anders gekommen.

Natürlich war der Bus nicht da gewesen – nicht, weil ich zu spät gewesen war, sondern, weil der Bus zu früh gekommen war. Und nicht gewartet hatte. Ein Standard-Problem, an das ich mich einfach nicht gewöhnen konnte. Und das mich jedes Mal wieder auf’s Neue aufregte. Dabei sollte ich es langsam echt besser wissen. Und es war mir ein Rätsel, warum ich mir jedes Mal auf’s Neue erneut Hoffnung machte.

Ich hatte also die Wahl: Warten oder Laufen. Und eigentlich lag die Antwort auf der Hand: Ich sollte warten und die Zeit sinnvoll nutzen, bis der nächste Bus kam. Ich hätte Hausaufgaben machen können. Oder etwas Ähnliches. Lesen oder so.

Aber stattdessen entschied ich mich dafür, zu Fuß nach Hause zu laufen. Eine Stune lang. Weil ich nicht an der Straße entlang laufen wollte, sondern den Weg durch den Wald nahm. Meinen geliebten Wald, der irgendwie wie ein zweites zu Hause für mich geworden war.

Vielleicht treffe ich ja wieder zufällig Nick, schoss es mir durch den Kopf. Und für einen Augenblick kniff ich meine Augen zusammen. Ich sollte das nicht denken. Stellenweise war ich mir selbst nicht mehr sicher, ob es ihn wirklich gab, oder, ob ich ihn mir einbildete. Ich war an dem Punkt, wo mich gar nichts mehr wunderte. Und wo ich absolut schweigsam geworden war.

Als ich das nächste Mal wirklich bewusst auf den Moment achtete, befand ich mich bereits im Wald. Und kaum, dass ich den Wald betreten hatte, zündete ich mir auch schon eine Zigarette an. Innerlich fragte ich mich, wie lange das noch gutgehen würde, bis ich damit aufflog. Ich schob den Gedanken bei Seite, kaum, dass er gekommen war.

Ich lief eine Weile lang. Und genau in dem Moment, als ich die Hoffnung, die ich eigentlich gar nicht bewusst zugelassen hatte, aufgeben wollte, spürte ich zuerst, wie sich ein Schatten über mich legte – und dann ein Arm. Ich brauchte gar nicht nachzusehen, wer es war. Ich wusste es. Ich fühlte es. Und ich konnte mir nur mit Mühe ein innerliches Grinsen verkneifen.

Er hat seinen Arm um mich gelegt. Einfach so. Und es fühlt sich verdammt real an. Diese Gedanken schossen mir auf einmal durch den Kopf. In Ordnung. Das war neu. Und jetzt?

„Sicher, dass du den Wald schon verlassen willst?“, hörte ich Nick fragen. Dabei war seine Stimme leiser als sonst. Ich würde nicht sagen bedrohlicher. Obwohl ich das vermutlich als solches hätte empfinden sollen. Wenn ich auch nur einen Funken gesunden Menschenverstand hatte.

Und er hatte Antworten.

Auf Themen, die mich brennend interessierten – und die ich normalerweise noch nicht einmal als einen Gedanken zuließ.

Im Kopf ging ich ganz kurz die Schichten meiner Eltern durch. Nein. Ich hatte definititv noch Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch nur einer von beiden früher nach Hause kam, war kleiner gleich Null.

„Das hängt ganz von dem Angebot ab“, antwortete ich ruhig. Nick lachte auf.

„Ein Gespräch. Wie üblich. In lockerer Atmosphäre, Psy“, antwortete er ruhig und drückte mich ein klein wenig näher an sich. Ich sollte gehen. Ich fühlte, dass ich gehen sollte. Wenn mich irgendjemand, der meine Eltern kannte, auf diese Weise sehen sollte,…

Und doch, in der Art, wie er meinen Namen sagte, den hier sonst niemand kannte, lag etwas, dass ich mich sicher fühlte.

Dass ich einfach nicht anders konnte, als ihm zu vertrauen.

„Und damit du endlich ein wenig lockerer wirst, habe ich dir auch etwas mitgebracht“, fügte er dann noch an und hielt mir mit der anderen Hand etwas hin. Es sah aus wie ein selbstgedrehte Zigarette. Und doch länger.

Ich kniff meine Augen zusammen.

Erneut.

Ich wusste, was das war. Obwohl ich es theoretisch noch nie in diesem Leben zuvor gesehen hatte. Doch in diesem kurzen Erinnerungen an ein anderes…

Ich sollte gehen.

Ich wusste, dass ich gehen sollte.

Das hier war eine Grenze, die ich nicht überschreiten sollte.

Ich blinzelte.

Und fand mich auf dem Weg mit ihm zur Schaukel laufen wieder, auf der er kurz, nachdem wir uns setzten, den Joint anzündete und mir rüber reichte.

Und ich ihn nicht ablehnte.

 

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