TnS(E) – 1.6.5 – Kapitel Sechs – Sprünge – Nick

Sie nahm ihn. Nicht sofort. Nicht gierig. Aber auch nicht abwehrend. Ein winziger Augenblick des Zögerns. Dann glitten ihre Finger über meine.

Ich sah es in ihren Augen – dieses Wissen, dass sie längst verstanden hatte, was das hier bedeutete. Dass sie die Grenze sah und trotzdem überschritt.

Und genau das war es, was mich faszinierte. Nicht, dass sie schwach war. Sondern, dass sie trotzdem blieb.

Ich hätte ihr unzählige Dinge sagen können. Dass das hier nur ein Spiel war. Dass sie jederzeit aufstehen und gehen konnte. Aber das hätte gelogen geklungen – und sie hätte es durchschaut.

Also schwieg ich.

Und ließ den Rauch in der Luft zwischen uns den Rest tun.

Sie zog daran. Nachdenklich. Ruhig. Als wäre es bei weitem nicht das erste Mal. Kein Husten, kein Zucken – nur dieser Blick, der für einen Moment weit weg ging.

Ich sah sie an und musste grinsen.

„Genau so hab ich dich in Erinnerung“, sagte ich leise.

Dann, nach einer kurzen Pause: „Immer so, als würdest du schon alles kennen – und trotzdem so tust, als wär’s neu.“

Nach dem dritten Zug sagte sie: „Theoretisch ist es neu für mich. Und praktisch sollte ich mein Leben überdenken. Ich sitze hier mit einem Fremden, der mir vertrauter ist, als die Freundin, für die ich ein Geburtstagsgeschenk besorgen sollte.  Dabei will ich noch nicht einmal zu ihrem Geburtstag gehen.“

Ich lachte leise. Nicht spöttisch, sondern so, als hätte sie mir gerade das schönste Kompliment gemacht.

„Dann bist du immerhinhin konsequent“, meinte ich und lehnte mich ein Stück zurück.

„Geburtstage sind überschätzt. Die meisten feiern nur, um zu vergessen, dass sie älter werden.“

Mein Blick blieb auf ihr, ernst und warm zugleich.

„Und Fremde“, fügte ich hinzu, „sind machmal die Einzigen, die du wirklich erkennst.“

Sie reichte mir den Joint zurück, ohne etwas zu sagen. Die Geste war schlicht, beinahe beiläufig – und doch lag darin eine Antwort. Nicht Zustimmung, nicht Ablehnung. Eher diesees stille „Ich höre dich, aber ich entscheide später, ob ich dir glaube.“

Ich nahm ihn entgegen, zog tief und ließ den Rauch langsam ausströmen. Dann blickte ich sie an, den Kopf leicht schräg.

„Weißt du“, murmelte ich, „du machst es einem verdammt schwer, dich nicht ernst zu nehmen.“

Ihr Grinsen traf mich wie ein Echo – nicht verspielt, nicht kindlich, sondern wie etwas, das ich viel zu oft schon gesehen hatte.

Ein Grinsen, das wusste, dass meine Worte mehrdeutig klangen, auch wenn ich es nicht beabsichtigte.

„Darf ich für einen Augenblick offen sprechen?“, fragte sie.

Ich hielt den Joint zwischen den Fingern, sah sie an. Dann nickte ich langsam. Ein kleines, fast herausforderndes Lächeln auf den Lippen.

„Nur einen?“

Sie zog mir den Joint sanft wieder aus der Hand. Ihre Finger streiften meine.

„Vielleicht einen Augenblick je Treffen“, sagte sie.

Ich lachte leise, diesmal hörbar amüsiert.

„Dann hoffe ich, dass wir uns oft treffen“, erwiderte ich, die Stimme tiefer, fast verschwörerisch.

„Denn ein Augenblick mit dir reicht nie.“

„Das höre ich gerne. Denn wenn wir beide hier sind… Dann wird es bald ziemlich lustig werden. Ich werde die Geschichte nicht verändern. Aber ich werde auch nicht Nein sagen, wenn sich Gelegenheit bieten sollte, anders zu reagieren, als es geschrieben steht.“

Ihre Worte hingen zwischen uns, schwerer als der Rauch. Nicht trotzig, nicht leichtsinnig – eher wie eine Ankündigung, die längst beschlossen war.

Ich ließ den Joint sinken. Betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann schüttelte ich kaum merklich den Kopf, ein Grinsen in den Mundwinkeln.

„Du sprichst, als wüsstest du schon längst mehr als ich.“

Eine Pause.

„Aber vielleicht“, fuhr ich leise fort, „macht genau das den Unterschied. Zwischen denen, die nur die Geschichte leben – und denen, die anfangen, sie umzuschreiben.“

 

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