Ich hatte gelernt, die kleinsten Regungen zu unterdrücken. Und doch zuckte ich, als sie den Gedanken formte. Nicht, weil der Mann es hören konnte. Sondern, weil ich es konnte.
Sie war da. Unsichtbar, ungreifbar – aber da. Und sie war wütend, verletzt, trotzig. Genau das, was sie immer war, wenn sie glaubte, jemand wolle sie verkaufen.
„Ich war ohnehin auf dem Weg, sie auszuliefern“, hörte ich mich sagen, leise, beinahe beiläufig. Es war ein Satz, der mehr Fragen aufwarf, als er beantwortete. Der Mann nahm ihn als Bestätigung, als Entschuldigung, als Geschenkt für seinen Ruf. Aber Mira wusste, dass Worte von mir selten nur eine Ebene trugen.
Die Wahrheit war: Ich wusste nicht, wen ich in diesem Moment belügen wollte. Denn Mann, sie – oder mich selbst.
Und während ich in den leeren Raum blickte, genau an jene Stelle, wo ihr Schweigen vibrierte, hatte ich das Gefühl, als stünden wir beide an einer Grenze, die keiner von uns wirklich benennen konnte.
Ich bin nicht wütend, hörte ich sie in mir. Schar, klar, als stünde sie direkt neben mir. Zumindest nicht auf dich.
Es war schwer zu sagen, ob der Gedanke beruhigen sollte, oder eine Warnung war. Vielleicht beides.
„Also?“ Die Stimme des Mannes schnitt durch den Moment. „Wann brechen wir auf, um den Vorfall zu melden?“ Er rieb sich die Hände, als hätte er den Jackpot gezogen, und sah mich erwartungsvoll an. „Je schneller wir reagieren, desto besser stehen wir da. Du weißt das.“
Ich antowrtete nicht sofort. Die Entscheidung war keine, die man vor Publikum traf – und schon gar nicht, während Mira im Raum schwebte, unsichtbar und doch lauter als alles andere.
Der Mann redete weiter. Worte über Melden, Protokolle, Credits – ein dumpfes Rauschen, das an mir vorbeiging. Die eigentliche Gefahr saß nicht vor mir: Sie stand neben mir. Unsichtbar. Und wartete auf meine Reaktion.
Nicht vor der Behörde fürchtete ich mich. Nicht vor dem Verlust eines Bildes oder einem Bericht. Es war ihr Blick – oder schlimmer, ihr Schweigen – das mir wie ein Messer im Rücken steckte.
Sie durfte diesen Satz nicht missverstehen. Nicht glauben, dass sie ich sie tatsächlich ausliefern wollte. Denn wenn sie das tat, würde ich sie verlieren, noch bevor ich eine Chance gehabt hätte, sie zu halten.
Ich zwang mich, ruhig zu wirken. Doch in meinem Inneren arbeitete nur ein Gedanke: Wie viel von mir liest sie gerade?
Du musst es tun, hörte ich sie, klarer als zuvor. Sie haben den Vorfall ohnehin registriert. Wie willst du ihnen sonst erklären, warum du in dem Raum standest, in dem ich verschwand?
Ich erstarrte. Es war nicht Trotz in ihrer Stimme. Nicht einmal Sarkasmus.
Es war Logik.
Und Logik aus ihrem Mund bedeutete, dass sie die Gefahr erkannt hatte – nicht für sich, sondern für mich.
Der Mann starrte mich immer noch an, erwartungsvoll, gierig nach meiner Zustimmung. Doch in diesem Moment war er nicht das Problem. Das Problem war, dass sie recht hatte.
Und genau deshalb wusste ich nicht, ob ich ihr glauben konnte.
Noch ehe ich den Mund öffnete, überrollte mich ein Schwall aus Bildern. Kein Gedanke, kein Satz – ein Strom, direkt in meinen Kopf gespült.
Splitter aus Möglichkeiten, die sich anfühlten wie Erinnerungen:
Ich schweige.
Ich verweigere.
Ich vertusche.
Und jedes Mal endete es gleich – nicht im Bericht, nicht im Protokoll, sondern in meinem Untergang.
Gesichter, die mich verhörten.
Hände, die mich packten.
Schatten, die sich über mich legten.
Ein Mal, zwei Mal, unzählige Male.
Es war wie ein Déjà-vu, das ich nie erlebt haben konnte, und doch sofort erkannte.
Mira.
Sie zeigte mir nicht die Zukunft.
Sie zeigte mir, wie schnell die Gegenwart zerfallen konnte, wenn ich den falschen Schritt machte.
Ich schloss die Augen.
Atmete ein.
Und wusste: Es war keine Wahl.
Die Bilder ebbten ab, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Zurück blieb nur Stille.
Sie sagte nichts. Kein Gedanke, kein Impuls. Nur dieses Schweigen, das sich wie ein Blick anfühlte.
Für sie mochte es das Verarbeiten gewesen sein – für mich war es der Test. Sie wartete. Auf meine Reaktion. Auf meinen Schritt.
Und während der Mann mir immer noch ungeduldig in die Augen sah, wusste ich, dass ich nicht nur vor ihm stand, sondern vor ihr.
Ich öffnete die Augen.
„Wir melden es“, sagte ich ruhig. Ohne Zögern. Ohne Regung.
Der Mann strahlte auf wie ein Händler, der gerade den besten Tausch seines Lebens gemacht hatte. Er begann sofort, Dinge zu notieren. Seine Hänfr fahrig vom Eifer.
Doch meine Stimme hatte nicht ihm gegolten. Sie galt dem Schweigen neben mir. Der unsichtbaren Präsenz, die noch immer wartete.
Für dich, dachte ich, und nicht für sie.
Hinter dem Mann hing ein leerer Rahmen. Kein Bild, keine Farbe. Nur Glas, das matt im grauen Licht schimmerte.
Und dann sah ich es. Mira stand direkt davor. Unsichtbar für den Mann, unsichtbar für jeden anderen – doch für mich so deutlich, als wäre der Raum selbst durch sie gespannt.
Ihre Fingerspitzen berührten das Glas.
Für einen Augenblick vibrierte der Rahmen. Kaum sichtbar, aber spürbar. Ein leises Summen kroch durch den Raum, so tief, dass selbst der Staub auf den Regalen erzitterte. Das Licht im Café flackerte, als hätte jemand an der Stromquelle gezerrt.
Und ich wusste: Wenn sie wollte, konnte sie jetzt verschwinden – nicht durch ein Bild, sondern durch nichts. Und vielleicht nahm sie mich mit. Oder ließ mich zurück.
Das Summen legte sich mir in die Knochen. Ich sah, wie ihre Hand auf dem Glas ruhte. Und alles in mir spannte sich.
Nur ein einziges Wort entkam meinen Lippen, kaum hörbar, aber messerscharf:
„Nein.“
Weiter zu: Kapitel 6 – Sprünge – Psy