TnS(E) – 1.6.2 – Kapitel Sechs – Sprünge – Mira

Ich konnte sie sehen. Ich war noch im Raum.

Aber es war eindeutig, dass sie mich nicht sehen konnten.

Fuck.

Verdammte scheiße.

Wie war das schon wieder passiert?

Und vor allem: Warum passierte das immer und immer und immer wieder mir?

Da riss man sich fast zwei Jahrzehnte lang den Arsch auf, um endlich mit dieser kontrollsüchtigen intergalaktischen Efir-Regierung klarzukommen und Frieden zu schließen – und kaum, dass man einen Waffenstillstand unter Vorbehalt verinbart hatte, passierte dann so etwas.

Ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich das erklären sollte.

Und dann, mitten hinein, kamen mir so geistreiche Fragen in den Sinn, wie: Bin ich jetzt ein Geist? Kann ich durch Wände gehen? Und wenn ja, bin ich dann tot?

Das war albern. Und kindisch. Ich war aus dem Alter eigentlich raus.

Ich berührte den Tisch. Meine Hand glitt hindurch. Wie eigentlich fast zu erwarten war.

Das war einer der Momente in meinem Leben, in dem ich mich fragte, wer sich diesen kosmischen Scherz ausgedacht hatte.

Ich hatte einiges erlebt. Viel zu viel für mein Alter. Ich hatte mich damit arrangiert, in einer Realität zu leben, in der ich es weder offen ausleben noch darüber sprechen durfte.

Und kaum, dass ich mich damit abgefunden hatte, befand ich mich hier.

Kaum, dass ich mich damit arrangiert hatte, hier zu bleiben, passierte…

Nun, ja.

Das eben.

Ich atmete tief durch – nur das ich nicht atmete. Es war ein seltsames Gefühl.

Ich bewegte mich in Richtung von Elyon. Wobei ich mir nicht sicher war, ob ich wirklich lief, oder schwebte. Es fühlte sich komisch an. Ich fühlte, dass ich mich bewegte.

Irgendwie musste ich ihn auf mich aufmerksam machen. So weit war ich niemals in meiner Ausbildung gekommen, um zu wissen, was dieser Moment jetzt bedeutete. Was mit mir passiert war. Und mit dem „Warum“ fing ich gar nicht erst an.

„Macht sie das öfters?“, hörte ich den Mann fragen. Ich sah, wie Elyon nachdachte. Auch wenn er keine Miene regte. Weder Körper noch sonst irgendetwas an ihm ließ irgendeinen Verdacht zu, was gerade in seinem Inneren vor sich ging. Und ich war mir ziemlich sicher: Es war nichts Gutes.

„Nicht, das ich wüsste. Wenn ja, müsste ich es melden“, antwortete er schließlich ruhig, während ich erfolglos versuchte, eine Tasse umzuwerfen.

„Muss ich das melden?“, fragte der Mann und sah alles andere als glücklich über diesen Gedanken aus. Ich versuchte mich an einem Blatt Papier. Vielleicht musste ich mit etwas kleinerem Anfangen.

„Es steht dir frei, das zu melden. für deinen Ruf wäre es sicherlich nicht verkehrt. Aber es zieht auch das Risiko nach sich, dass sie die Prüfungen wieder aufrollen“, antwortete Elyon nüchtern und sachlich. Nicht einmal einen Staubkorn konnte ich bewegen.

„Es war schon schwierig genug die Genehmigung für das Bild zu bekommen. Wenn sie erfahren, dass das Bild es ausgelöst hat, nehmen sie es mir direkt wieder weg“, dachte der Mann wehleidig nach. Und ich dachte mir: „Du dumme Gurke. Du kannst auch einfach erwähnen, dass ich hier verschwunden bin, ohne, dass du das Bild erwähnst.

Und das war der Moment, in dem Elyon zuckte. Nur ganz kurz. Nur für einen Augenblick. Und ich hielt mitten in meinen Versuchen inne.

„Oder ich erwähne es gar nicht. Und berichte nur, dass sie hier her kam. Und dann verschwunden ist. Ich könnte ein paar Social Credits echt vertragen“, überlegte er dann laut weiter. Ich blickte Elyon an. Und dachte mir: „Und Elyon war auf dem Weg, mich auszuliefern. Das hier war nur ein Zwischenstopp.“ Ich war mir noch nicht einmal sicher, warum ich das dachte. Aber irgendwie war es fast wie der Wunsch, dem Mann zu helfen.

„Ich war ohnehin auf dem Weg, sie auszuliefern“, sprach Elyon leise. Ungläubig. Und dieses Mal blickte er direkt an die Stelle, an der ich stand.

Mit einem Blick, der sagte: „Mädchen. Was hast du nur vor?“

Was ich selbst gerne gewusst hätte.

Aber wenigstens war dem Mann geholfen – denn er freute sich sehr offensichtlich.

Als hätte er gerade den Jackpot gewonnen.

 

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