Ich hatte einen langen Tag hinter mir. Ich wollte einfach nur noch nach Hause. Und das ich auch noch unzählige Treppen hochsteigen musste, bis ich bei unserer Wohnung ankam, machte es nicht besser.
Generell verstand ich nicht, warum dieser Aufzug nicht endlich repariert wurde. Warum alles andere wichtiger war – nur das nicht. Am Geld konnte es nicht liegen.
Gedanklich ging ich bereits meine Pläne für den Abend durch. Duschen. Ich musste dringend duschen. Abendessen machen. Oder vielleicht auch einfach nur etwas bestellen. Aber dann müsste ich wieder runter laufen, um das Essen abzuholen. Darauf hatte ich keine Lust. Und er hatte sicherlich auch nicht gekocht. Also vielleicht ein Fertiggericht aus dem Drucker. Wenn wir noch eins da hatten.
Ich dachte noch über einige andere Dinge nach, während ich hoch lief. Damit schlug ich mir meistens die Zeit tot, wenn ich die Treppe hinauf stieg. Es machte die Zeit bekömmlicher. Und oft, wie auch heute, fiel ich dabei in eine Art Trance. Ein sehr angenehmer Zustand.
Und dann kam ich endlich an. Kam rein. Und sah ihn irritiert vor unserem Schlafzimmer stehen.
Aber irgendetwas stimmte nicht. Im ersten Moment konnte ich nicht genau sagen, was es war. Es fühlte sich so an, als würde sich eine bedrohliche Dunkelheit in mein Herz schleichen. Etwas, das ich seit meiner Kinheit nicht mehr erlebt hatte.
Noch immer wie in Trance, trat ich an ihn heran. Blickte in das Zimmer hinein. Und sah dort eine Frau stehen.
„Elyon. Wer ist diese Frau?“, fragte ich direkt aus meinem Gefühl heraus. Ohne weiter darüber nachzudenken. Dabei wusste ich zu genau, dass er mir diese Frage nicht beantworten würde. Das tat er meistens nicht. Und es trieb mich oft genug in den Wahnsinn.
Sie sah vollkommen fehl am Platz aus. Mehr wie jemand, der sich hierher verirrt hatte, als ein Eindringlich oder Einbrecherin. Oder etwas anderes, woran ich gar nicht erst denken wollte.
Sie kam mir irgendwie bekannt vor. Wie ein Fragment aus meiner Vergangenheit – meiner Kindheit oder Jugend. Aber dennoch war ich mir sicher: Ich hatte diese Frau noch nie zuvor gesehen.
„Das ist ein Fehler“, hörte ich ihn nur sprechen. Obwohl ich seine Stimme schon unzählige Male gehört hatte, klang sie selten fremd. Als wäre er ein komplett anderer Mensch.
Und dann begann auf einmal alles zu beben.
Es war nicht das erste Mal, dass ich das erlebte. Meistens war ich die Einzige, die dieses Beben wahrnahm.
Doch es führte zu demselben Ergebnis wie immer: Ich begann zu taumeln.
Und griff nach ihm, wie ich es schon so viele Male zuvor getan hatte.
Und während alles um mich herum verschwamm, während ich taumelte und beinahe stürzte, schaffte ich es tatsächlich, nach ihm zu greifen. MIch an ihm festzuhalten.
„Leon!“, rief ich überrascht, als ich den Mann ansah, an dem ich mich festgehalten hatte.
Während er sich noch sammelte, sah ich mich im Raum um.
Ich war nicht länger in meiner Wohnung – ich stand inmitten von einem vollen Bus.
„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte er mich fassungslos.
Ich hätte ihm gerne geantwortet.
Aber für den Anfang musste ich mich erst einmal sortieren.
Und herausfinden wer ich war und wo ich war.
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