TnS(E) – 1.1.4 – Kapitel Eins: Mist gebaut – Leon

Alles verschwamm. Stimmen, Bilder, selbst mein eigener Atem klang, als würde er durch Wasser gehen.

Und dann spürte ich plötzlich ein Gewicht an meinem Arm.

Fingerspitzen, die sich verzweifelt festkrallten.

Ich drehte den Kopf – und da war sie.

Eine Frau, die ich nicht kannte, die meinen Namen rief, als hätte sie ihr ganzes Leben lang auf mich gewartet.

„Leon!“, hatte sie gesagt.

Ein einziger Laut, der mir durch Mark und Bein ging.

Ich starrte sie an, unfähig zu verstehen, woher sie meinen Namen kannte.

Niemand hier in diesem Bus kannte ihn. Nicht so. Nicht in diesem Ton.

Der Bus um uns herum war voll. Stimmen, Lachen, das dumpfe Rattern über die Straße – alles viel zu echt, um ein Traum zu sein.

Und doch wusste ich: Das hier war falsch.

Sie war falsch.

Oder ich.

„Woher kennst du meinen Namen?“, hörte ich mich sagen, aber die Worte fühlten sich fremd an, so als hätte jemand anders sie mir in den Mund gelegt.

Und noch bevor sie antworten konnte, merkte ich, dass die anderen Fahrgäste uns anstarrten. Nicht verwundert. Nicht neugierig. Eher so, als hätten sie längst gewusst, dass genau dieser Moment kommen würde.

Die Stille im Bus war nicht natürlich. Es war das Schweigen, das entsteht, wenn alle gleichzeitig die Luft anhalten.

Einer der Männer in der letzten Reihe hob den Kopf. Sein Blick war auf uns gerichtet – dunkel, unbeweglich, wie festgenagelt.

Und dann tat er etwas, das niemand sonst sah: Er lächelte.

Nur kurz.

Ein Zucken, kaum mehr als ein Schatten.

Ich spürte, wie mir der Schweiß den Rücken hinunterlief.

„Das hier… ist nicht meiner“, murmelte ich, eher zu mir selbst als zu ihr.

Und im selben Moment begann der Bus zu ruckeln, als würde er nicht mehr über Asphalt, sondern über etwas anderes fahren.

Ich packte die Stange neben mir, um das Gleichgewicht zu halten, und die Finger der Frau gruben sich tiefer in meinen Arm.

Ihre Augen – weit, suchend, verzweifelt – ließen mich nicht los.

Und ich wusste, egal, was jetzt passierte: Wir waren beide nicht mehr dort, wo wir hingehörten.

 

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