Mädchen wachte in ihrem Bett auf.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, seitdem sie im Brösel lebte. Es spielte auch keine Rolle. Denn Zeit war hier untergeordnet und an manchen Tagen bedeutungslos.
Sie wusste nur, dass sie kein Mädchen mehr war, sondern eine junge Frau wurde. Es war genau das Alter des Übergangs, in dem man nicht mehr klar von einem Mädchen sprechen konnte – aber auch nicht von einer Frau.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, was damals im Keller passiert war. Sie wusste nur, dass sowohl das Verhalten des Jungen, der ebenfalls kein Junge mehr war, als auch des Wirts, sich ihr gegenüber verändert hatten. Sie konnte nicht klar benennen, was sich verändert hatte. Sie spürte nur, dass es der Fall war.
Der Wirt hatte ihr Zugang zu seiner persönlichen Bibliothek gewährt. Sie hatte ihn zuvor oft danach gefragt. Und er hatte es ihr verboten. Sie hatte sich daran gehalten. Um es ihr eines Tages aus heiterem Himmel doch zu gestatten.
Sie fragte nicht weiter nach. Sie freute sich darüber. Auch wenn es für sie ein wenig den Anklang hatte, als würde er sie von der Arbeit, an die sie sich nicht nur gewöhnt hatte, sondern auch liebte, fernhalten wollen.
Sie verbrachte Stunden mit den Büchern. Geschichte. Philosophie. Aber auch Märchen und Erzählungen. Sie begann selbst zu schreiben. Keine Geschichten. Sondern Notizen von Dingen, die sie sich unbedingt merken wollte.
Eines Abends kam der Wirt zu ihr in die Bibliothek. Sie sah ihm an, dass er auf dem Dachboden gewesen war. Dem Ort, an dem er oftmals mit Reisenden verschwand. Wenn es nicht der Keller war.
Er war sichtbar betrunken. Und er setzte sich zu ihr, als sie gerade ein schwarzes Buch in die Hand genommen hatte, das sie zwischen alten Bücherregalen gefunden hatte.
Sie legte es bei Seite, sodass er es nicht sehen konnte. Sie wusste nicht, was sie dazu bewegt hatte. Wo sie doch sonst keine Geheimnisse vor ihm hatte.
Er fragte sie, was sie gerade las. Sie nannte ihm ein Geschichtsbuch aus einer anderen Zeit. Einer anderen Welt. Und sie sprachen gemeinsam darüber. Es war das erste Mal, dass der Wirt einfach bei ihr blieb. Mit ihr sprach. Und sogar noch um weiteres Wissen ergänzte, das sie in den Büchern nie so gesehen hatte.
Sie redeten über Stunden. Fast über die gesamte Nacht hinweg. Und Mädchen fühlte ein Gefühl, das sie nicht näher beschreiben konnte. Und doch war es vertraut und angenehm – auch wenn es ein Stechen in ihrer Brust auslöste.
„Ich gehe jetzt. Du solltest auch noch ein wenig schlafen. Ich brauche dich Morgen in der Küche“, sagte er zu ihr, bevor er ging. Dabei sah er sie mit einem Blick an, der fast schon von Zärtlichkeit getränkt war.
„Ja. Mache ich“, versprach sie ihm.
Doch kaum, dass er den Raum verlassen hatte, nahm sie erneut das schwarze Buch und schlug es auf.
Sie erwartete einen Roman.
Doch stattdessen erwartete sie darin eine fein säuberliche Handschrift, die in schwarzen Buchstaben auf die erste Seite geschrieben hatte: „Mein Grimoire.“
Und in etwas kleinerer Schrit weiter unten: „Ich werde dich immer lieben.“
Etwas in ihrem Inneren zuckte.
Und plötztlich erinnerte sie sich an die Nacht im Keller.
An die Geister-Kinder um sie herum.
Und erneut spürte sie diese Form von Trance, die sie damals schon verspürt hatte.
Nur war es dieses Mal anders.
Und so schlug sie das Buch einfach an einer beliebigen Stelle auf, zu der es sie zog.
Sie legte sich in dieser Nacht nicht schlafen.
Sie las bis zum Morgen und ging danach direkt in die Küche, wie der Wirt es gewünscht hatte.
Am Morgen stand sie in der Küche, als wäre nichts geschehen.
Sie schnitt Brot, holte Wasser vom Brunnen, legte Holz in den Ofen. Ihre Hände taten, was sie immer taten. Doch in ihrem Kopf brannten die schwarzen Seiten, die sie gelesen hatte.
Jede Zeile schien nicht nur ein Satz, sondern ein Echo zu sein – wie jemand in einem Raum spricht, den sie längst betreten hatte.
„Mein Grimoire.“
„Ich werde dich immer lieben.“
Sie hatte keine Erklärung, warum diese Worte sie so trafen. Aber seit sie sie gesehen hatte, fühlte sie den Blick der Kinder aus dem Keller wieder auf ihrer Haut. Als stünden sie hinter den Türen, die sie nicht mehr öffnen wollte.
Der Wirt kam später herein. Nüchtern. Als sei die Nacht im Gespräch nie gewesen. Sein Blick streifte sie. Prüfend. Aber ohne Härte. Sie erwiderte ihn. Hielt die Miene so klar wie möglich. Denn sie fürchtete: Wenn er auch nur ahnen sollte, was sie gelesen hatte, würde er es ihr wieder nehmen.
Und das konnte sie nicht zulassen.
Sie arbeitete den Tag über still und gewissenhaft. Aber jedes Mal, wenn sie allein war, glitt ihr Gedanke zurück zu dem Buch. Nicht zu den Geschichten oder Formeln – sondern zu dem Versprechen, das auf der ersten Seite geschrieben stand.
„Ich werde dich immer lieben.“
Es war kein Satz für sie. Und doch fühlte es sich so an, als wäre er genau an sie gerichtet.
Und in ihr wuchs die Frage, die sie nicht zu stellen wagte: Wer hatte dieses Buch geschrieben?
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