Er erinnerte sich an den Abend, als sie zurückkam.
Er stand im Schatten der Treppe, den Rücken an das kühle Holz gelehnt, und lauschte. Draußen hatte der Wind noch die Äste bewegt. Wie ein tiefes, knurrendes Atmen, das aus dem Wald herüberwehte. Er hatte nicht gewagt, hinauszugehen.
Nicht, weil er Angst vor den Wölfen gehabt hätte, sondern, weil er spürte, dass der eigentliche Kampf dort draußen nicht gegen Zähne und Fell geführt wurde.
Dann war die Tür aufgegangen. Sie war hereingetreten. Das Gesicht gerötet. DIe Hände voller Pilze, als wären sie das Kostbarste der Welt. Der Wirt war sofort bei ihr gewesen. Die Augen blitzend. Die Stimme merkwürdig weich und scharf zugleich.
Der Junge hatte sie nur angesehen.
Wie sie lachte, noch atemlos, und in ihren Bewgungen eine Leichtigkeit lag, die ihn fast verletzte. Weil er wusste, dass sie dort draußen etwas berührt hatte, das ihn selbst nie erwählt hatte.
Und als sie an ihm vorbeiging, nur ein paar Schritte entfernt, hatte er es zum ersten Mal gespürt: dieses Leuchten, das von ihr ausging. Wie ein schwaches Glimmen an den Rändern der Dunkelheit. Er hatte sich nicht bewegt. Aber in ihm war etwas nach vorn gestürzt, als hätte ein unsichbarer Faden ihn an ihr vorbeiziehen lassen.
Seit diesem Abend war nichts mehr still gewesen.
Zuerst hatte er gezählt. Ein Tag, zwei, drei. Nichts Ungewöhnliches. Sie war oft unterwegs, wenn der Wirt sie schickte. Mit Körben, mit Aufträgen, die schwerer waren, als sie aussah. Er hatte sich eingeredet, dass sie bald zurückkehren würde. Dass sie bald zurückkehren würde. Dass er ihre Schritte auf der Treppe hören würde. Das Quietschen der Tür.
Doch am vierten Tag war die Stille anders. Keine Spur von ihrem Lachen. Kein Scharren ihrer Schuhe über die Diele.Der Brösel fühlte sich hohl an. Wie ein Krug, der auf dem Kopf stand.
Er trat zum Tresen, wo der Wirt wie immer Gläser polierte, als könne man daran die Zeit selbst ablesen. Seine Kehle war trocken, als er fragte: „Wo ist sie?“
Der Wirt hob nicht einmal den Blick. „Ich weiß es nicht.“
Mehr nicht. Kein Zucken im Gesicht. Kein Anzeichen, ob es Wahrheit oder Lüge war. Nur diese vier Worte, die schwerer wogen als die Tage, die hinter ihm lagen.
In der Brust des Jungen begann etwas zu pochen, das sich nicht mehr beruhigen ließ.
Er starrte den Wirt an. Suchte nach einem Riss in dieser gleichgültigen Maske. „Du willst mir erzählen, du weißt es nicht?“ Seine Stimme klang schärfer, als er es geplant hatte.
Der Wirt legte das Glas ab. Langsam. Fast bädchtig. Und sah ihn zum ersten Mal direkt an. „Ich habe sie nicht geschickt.“
„Dann wer?“ Der Junge trat einen Schritt näher, die Fäuste an den Seiten geballt. „Vier Tage. Und du tust so, als ginge es dich nichts an?“
Ein Funken blitze in den Augen des Wirts auf. Dunkel und unheilvoll. „Du glaubst, ich spiele mit dir? Ich sage dir, ich weiß es nicht.“
Der Junge wollte erwidern, dass das eine Lüge sein musste. Dass er es sehen konnte, wie die Wahrheit unter der Oberfläche brodelte. Doch da kam der Blick. Scharf wie ein Schlag.
„Genau. Du weißt es“, knurrte der Wirt, „dass ich sie nicht suchen darf. Kein Schritt. Kein Wort. Keine Spur. Es liegt nicht in meiner Hand.“
Die Worte fuhren in den Jungen wie ein kalter Windstoß. Und doch wollte sein Inneres sie nicht akzeptieren.
Er hielt den Blick des Wirts nicht länger aus. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und begann zu suchen. Zuerst in der Küche, zwischen Kesseln und Töpfen, wo sie manchmal länger blieb, um aufzuräumen. Dann in den Gästezimmern, wo noch der Geruch von Rauch und fremden Stimmen hing. Selbst im Schankraum, unter den Bänken, als könnte sie dort etwas vergessen haben.
Doch überall nur Leere. Kein Lachen. Kein Rascheln ihres Kleids. Nicht einmal der schwache Duft von Kräutern, der sie sonst begleitete.
Schließlich zog es ihn zur Kellertür. Das Eisen am Ring war kalt, schwer, als er ihn anfasste. Die Treppe darunter atmente Dunkelheit. So dicht, dass er sie fast auf der Haut spürte.
Und dort, auf der dritten Stufe, lag sie. Eine schlichte Schleife. Ausgeblichen am Rand. Doch unverkennbar ihr Haarband.
Er hob sie auf, langsam, als wäre es ein Stück glühendes Metall. In seinen Fingern fühlte sie sich warm an. Zu warm.
Ein Schauer jagte ihm den Rücken hinab. Sie war hier gewesen. Und vielleicht noch immer hier unten.
Er stand lange auf der Schwelle. Die Schleife fest in der Faust, die andere Hand am kalten Eisenring. Jeder Atemzug schmeckte nach Staub und Metall. Er wusste, dass er hier nicht hinuntergehen sollte. Kein Wort musste ihm das sagen – die Luft selbst schrie es ihm ins Gesicht.
Und doch setzte er den Fuß auf die erste Stufe.
Dann auf die Zweite.
Jede tiefer als die vorige – jede schwerer.
Als er die Tür sah, spürte er es sofort: dieselbe Kälte, die ihr den Atem geraubt haben musste. Doch bei ihm kam etwas anderes hinzu. Kein Zittern. Kein Bann. Sondern ein Aufbäumen. Ein Hass, roh und heiß, gegen das, was ihn fortstoßen wollte.
„Wenn sie hier war…“, murmelte er, ohne zu merken, dass er laut sprach. „…dann bist du der Einzige, der sie mir zurückgeben kann.“
Er drückte die Schleife fester in der Hand, bis das Band sich in seine Haut schnitt. Dann trat er vor. Legte die Hand an das Holz, das zugleich tot und lebendig wirkte – und ging hinein.
Der Raum öffnete sich vor ihm, grau und schwer. Die Wände kaum zu fassen, als wären sie aus Nebel geschnitten. Sein Blick fiel sofort in die Mitte.
Dort lag sie.