TnS(E) – 1.4.5 – Kapitel Vier – Anker – Veit

Sie setzte sich neben mich. Einfach so. Ohne zu zögern. Ich sah sie an, weil ich nicht wusste, wie ich sonst reagieren sollte.

Normalerweise setzten sich die Leute nicht zu mir. Sie gingen an mir vorbei. Suchten einen anderen Platz. Taten so, als wäre ich Luft. Ich war daran gewöhnt.

„Hallo, Veit“, sagte sie. Ruhig. Selbstverständlich, als wäre mein Name kein Makel, sondern ein ganz normaler Klang.

Und in diesem Moment spürte ich, wie es in mir ruckte – als hätte jemand einen Schlater umgelegt.

Ich konnte nichts anderes tun, als sie anzusehen. Nicht, weil ich eine Antwort suchte. Sondern, warum sie so sicher war, wer ich war.

„Wir kennen uns aus der Musikschule. Wir haben denselben Klavier-Lehrer.“

Ihre Worte trafen mich unerwartet. Nicht, weil sie falsch gewesen wären – sie stimmten. Sondern, weil sie sich an mich erinnerte.

Die meisten taten das nicht. Oder wollten es nicht.

Ich fühlte, wie mir die Kehle trocken wurde. Meine Finger trommelten unruhig auf dem Tisch, als müsste ich mir selbst beweisen, dass ich überhaupt noch da war.

„Du erinnsterst dich…?“, fragte ich leiser, als ich es gewollt hatte.

Es war keine richtige Frage. Mehr ein Staunen, das ich nicht verbergen konnte.

Sie erinnerte sich.

Und während ich sie ansah, fragte ich mich, ob das gut war oder gefährlich.

Menschen, die sich an mich erinnerten, hielten selten lange an dieser Erinnerung fest.

Es war, als würde irgendetwas sie immer wieder ausradieren.

Sie lachte verlegen.

„Klar. Wie kann ich vergessen, dass du mir mein Notenbuch gebracht hast, als ich es bei der dummen Aufführung vergessen habe?“

Fünf Jahre war das her.

Fünf Jahre – und sie erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen.

Ich wusste noch genau, wie sie damals auf der Bühne gestanden hatte: Bleich, nervös, mit leeren Händen.

Und wie ich, ohne nachzudenken, in den Nebenraum gerannt war, ihr Buch geholt und es ihr im letzten Moment zugeschoben hatte.

Für mich war es nur ein Reflex gewesen. Für sie anscheinend mehr.

Und in diesem Augenblick begriff ich, dass sie etwas in sich trug, was die meisten Menschen längst verloren hatten: Sie vergaß nicht.

Ich senkte den Blick, weil ich nicht wusste, wohin mit meinem Staunen.

Dann zwang ich mich, wieder aufzusehen.

„Die meisten hätten das längst vergessen“, sagte ich leise.

„Aber du nicht.“

Es war kein Vorwurf.

Eher ein Versuch, die Schwere zwischen uns in Worte zu fassen – und zu sehen, ob sie verstand, was ich wirklich meinte.

 

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