Es war Freitag. Und ich war bei Misa zu Hause, anstatt wie üblich zu Hause zu versauern. Was eigentlich mein normaler Freitag war.
Sie hatte mich mit Ki, die dritte in unserem Freundschaftsbunde, zu sich nach Hause eingeladen. Was an sich schon selten genug vorkam. Und wenn Ki dann auch noch absagte, wie dieses Mal, dann fiel in der Regel das gesamte Treffen flach.
Aber irgendetwas war heute anders gewesen. Es lag eine gewisse Erleichterung in der Luft ihres viel zu kleinen Dachbodenzimmers. Fast schon so, als wären wir beide mehr als nur froh darüber, dass sie nicht da war. Was vielleicht daran lag, dass wir nun selbst die Themen bestimmen konnten, über die wir sprechen wollten. Normalerweise gab das Ki vor.
Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass wir am Anfang kaum ein Wort sprachen. Das Gespräch kam nur stockend voran. Wie eigentlich immer, wenn wir alleine waren. Egal, wann oder wo. Vielleicht vermieden wir es auch deswegen alleine zu sein.
Während sie sich über unsere Französischlehrerin beschwerte, fiel mein Blick auf ihren Schreibtisch. Auf ihr schwarzes Buch, in dem sie ihre maigschen Notizen führte. Und daneben ein Kartendeck.
Normalerweise ließ ich es bei so etwas einfach dabei bewenden.
Ich musste es dabei bewegenden lassen.
Ich musste mich davon fernhalten aufgrund der Religion meiner Eltern: Für sie war all das Teufelszeug.
„Was sind das für Karten?“, fragte ich sie dann einfach aus meinen Gedanken heraus.
Misa folgte meinem Blick und zog ihre Augenbrauen hoch als sie sah, wo ich hingesehen und wonach ich gefragt hatte.
„Das sind meine neuen Dämonen-Karten. Willst du sie sehen?“, fragte sie mich und es war dabei kaum zu überhören, dass sie spöttisch und herablassend dabei klang.
„Ja. Zeig her“, antwortete ich etwas zu schnell. Und vielleicht auch etwas zu begeistert.
Sie atmete tief durch.
Und ich spürte deutlich: Auch in ihr hatte sich etwas geregt, dass sich nicht hätte regen sollen.
Als würde sie ebenfalls spüren, dass hier gleich etwas Großes beginnen würde, dass wir durch meine simple Frage nicht mehr umkehren konnten.
Sie holte die Karten.
Sie setzte sich mit mir zusammen auf den Boden vor ihrem Bett.
Zunächst versuchte sie mir ihre Karten zu erklären. Was sie bedeuteten.
Doch dieser Zustand hielt nicht lange an.
Wir konnten beide den Sog des Banns spüren, der uns immer tiefer hineinzog. Der uns beinahe schon dazu zwang, weiterzumachen.
Ich hätte es abbrechen können.
Ich hatte eine sehr präzise Routine dazu im Laufe meines Lebens entwickelt.
Aber dieses Mal war es anders.
Dieses Mal wollte ich es nicht unterbrechen.
Ich wollte weiter gehen.
Tiefer.