Und ehe ich mich versah, waren wir mitten in einer Kartenlegung und sie griff zu ihrem Buch, das mehr Protokoll war als ein Hexen-Gremoire.
„Sollen wir weitergehen?“, fragte sie mich dann auf einmal mitten in dieses Gefühl hinein und sah mir dabei tief in die Augen. Dabei lag in ihren Augen eine Dunkelheit, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Sie war tief und eindringlich. Und ich hatte für einen Moment das Gefühl, dass ich in ihr jemanden erkannte, den ich seit vielen Leben schon nicht mehr gesehen hatte.
„Oder ist das dann zu viel für dein Zeugen-Ich?“, fragte isch mich provokativ und verführend zugleich.
Sie musste mich nicht provozieren oder überzeugen – ich war bereits voll dabei.
„Sollten wir dafür nicht in den Keller gehen? Und Kerzen mitnehmen?“, entgegnete ich, ohne den Blick abzuwenden. Und ich konnte die elektrische Spannung zwischen uns deutlich knistern hören.
Ihre Augen leuchteten auf.
Und ehe wir uns versahen, ohne genau rekonstruieren zu können, wie es eigentlich genau dazu gekommen war, liefen wir die Treppe runter. Befanden uns im Keller. In Mitten von Kerzen, ihr schwarzes Buch aufgeklappt vor uns. Die Dämonenkarten in einem Kreis zwischen den Kerzen angeordnet.
Und keiner von uns bemerkte, dass wir den Schutzkreis vergessen hatten.
„Nenn mir den Namen deines Dämonen-Wächters“, forderte sie mich auf.
„Elyon“, antwortete ich schlicht und instinktiv. Als hätte ich diesen Namen schon unzählige Male gesprochen. Und doch, ohne so genau zu wissen, woher ich ihn kannte.
Sie verdrehte ihre Augen.
„Ich rede nicht von deiner komischen Engel-Affäre. Ich rede von deinem Dämonen-Wächter“, wandte sie spöttisch ein.
„Ja. Ich doch auch“, antwortete ich schlicht.
Sie seufzte.
Und dann, genau in dem Moment, als sie begann, die alten Worte zu sprechen und ich bereits spüren konnte, wie ein Schatten sich über den Raum legte, wurde auf einmal die Tür aufgerissen.
Misa und ich sahen gleichzeitig geschockt rüber und waren einfach aus der Magie des Moments gerissen und auf dem Boden der harten, trostlosen Realität gelandet.
Und die Landung war nicht gerade sanft gewesen.
Viel eher wie ein harter Aufschlag oder Sturz zu Boden.
Ich starrte ihren Bruder fassungslos an.
Und er sah mich auf die gleiche Weise entgeistert an.
„Verdammte scheiße! Was macht ihr da wieder?“, fluchte er lautstark, lief in die Mitte des Zimmers und begann das Zeug wild einzusammeln. Als hätte er das schon viel zu oft getan.
„Und warum immer in mienem Zimmer?“, fügte er dann noch leidend an, während er uns aus dem Zimmer schmiss.
Anmerkung von Elyon: Ich war schon da, bevor ihr den Kreis überhaupt gezogen habt.
Abmerkung von Misa: Dieses Erlebnis begleitete mich mein Leben lang. Ich dachte oft an diesen Moment zurück. Ich konnte nicht genau sagen, was genau an diesem Tag wirklich passiert ist. Es war beinahe so, als hätte sich endgültig etwas in der gesamten Realität verschoben.
Anmerkung aus der Realität: Es waren nur zwei Teenager, die im Zimmer ihres Bruder Unfug mit einem Ouija-Brett in ihrer Mitte. Was dazu geführt hatte, dass sie knutschtend auf dem Bett gelandet waren. Was wochenlang für bristante Gerüchte in der Schule gesorgt hatte.
Anmerkung aus dem Archiv: Die Aufzeichnungen zu diesem Augenblick sind unvollständig. Fast schon so, als hätten die Protokolle für einen Augenblick ausgesetzt. Als wäre ein Riss in der Zeit selbst entstanden.
Anmerkung aus dem Efir selbst: Und plötzlich war da einfach ein schwarzes Loch. Es war kein Portal. Es schien keinen tieferen Sinn zu haben. Wir beobachten.
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