TnS(E) – 1.5.6 – Kapitel Fünf – Symbolik – Der Traum eines Jungen

Der Junge war schon lange im Brösel. So lange, dass er aufgehört hatte, die Tage zu zählen. Alles war Routine geworden: die Gesichter der Gäste, das Knarren der Dielen, das Raunen des Wirts, der Geruch nach Rauch und altem Holz.

Doch seit jenem Augenblick war nichts mehr wie zuvor.

Seit sie auf dem Tisch gelandet war – schwer, unbeholfen, mit den Augen voller Panik.

Er erinnerte sich genau an den Klang, als ihr Körper auf das Holz schlug, als hätte jemand einen Riss durch die Stille gezogen.

Und genau in diesem Riss war etwas geschehen.

Der Brösel war nicht mehr nur ein Ort.

Es war eine Bühne geworden.

Alles, was vorher schal und ewig gleich erschien, begann sich zu bewegen, sobald sie da war.

Der Junge hatte nie ein Wort mit ihr gewechselt.

Er wich ihr aus, mied ihren Blick. Tat so, als ginge sie ihn nichts an.

Und doch wusste er: Der Moment, als sie auf dem Tisch landete, hatte auch ihn verändert.

Es war, als wäre sie ein Schlüssel gewesen – und er selbst eine Tür, die seit langem geschlossen stand.

Sie war nicht das erste Mädchen, das im Brösel auftauchte.

Aber keine war so erschienen. Nicht aus dem Nichts auf dem Tisch. Und keine mit dem Buch.

Bei den anderen war es immer gleich gewesen: ein paar Tage staunendes Schweigen, dann hatte er sich überwunden. Ein Wort gewechselt, eine Frage gestellt, eine Kleinigkeit gereicht – und kurz darauf waren sie verschwunden.

Immer über dieselbe Treppe, hinter derselben Kellertür mit dem kalten Eisenring. Der Wirt hatte nichts erklärt. Die Stufen hinab zählte sich selbst. Und wer hinunterging, kam nicht wieder. Seitdem glaubte der Junge, seine Stimme sei ein Auslöser: dass er die Mädchen markierte.

Also schwieg er. Zog sich zurück. Lernte, am Rand zu bleiben.

Doch dieses Mädchen trug das Buch, gepresst an die Brust, als hielte es ihren Puls. Das Leder wirkte warm. Die Prägung schimmerte, als wäre sie manchmal da und manchmal nicht. Der Wirt rührte es nie an. Er deutete nur. Und als das Pergament kurz aufleuchtete, meinte der Junge eine Zahl gesehen zu haben, die sich wie ein Brand einhakte. Danach war der Brösel anders. Lauter in den stillen Stellen.

Der Junge beobachtete sie.

Zuerst mit dem Tuch in der Hand, wie sie über die staubigen Bänke wischte.

Dann, wie sie die Teller trug, deren Gewicht nicht zu ihr passte.

Später sah er sie am Herd, die Hitze der Kessel im Gesicht, bis der Schweiß ihr die Stirm hinabhlief.

Und schließlich draußen, mit einem Bündel Holz auf den Schultern, das fast größer war als sie selbst.

Er merkte schnell: Der Wirt verlangte von ihr mehr als von allen anderen. Härter, schwerer, länger.

Wo er selbst noch mit einem Nicken durchgekommen war, schickte er sie hinaus.

Wo die Kobolde nach zwei Gängen Ruhe bekamen, legte er ihr den dritten auf.

Der Junge fühlte, wie es in ihm zu kochen begann.

Es war nicht fair.