„Es ergibt überhaupt keinen Sinn, dass ich den Moment vergessen haben sollte. Alle anderen hätten mich einfach ausgelacht. Du nicht.“
Kaum, dass ich das gesagt hatte, bereute ich es auch schon wieder.
Nicht, weil es nicht stimmte. Ich hatte tatsächlich gemeint, was ich gesagt hatte. Auch wenn sich die Erinnerung nicht wie meine eigene angefühlt hatte.
Es ging mir viel mehr darum, dass ich wusste, wie schnell in diesem Alter etwas falsch verstanden werden konnte. Und das wollte ich nicht. Ich konnte spüren, dass er zwar vielleicht ein wenig seltsam für sein Alter war, aber im Grunde aufrichtig.
Und damit war er anders als die anderen.
Meine Aussage schien ihn ein wenig zu überfordern. Dennoch wandte er den Blick nicht ab und hielt ihm stand.
Für einen Moment erwartete ich fast schon, dass darin wieder die prüfende Dunkelheit auftauchte, die ich so oft bei anderen, vor allem bei Misa, beobachtet hatte. Doch nichts dergleichen geschah.
Er sah mich einfach nur an.
Und in genau in dem Augenblick, als er den Mund öffnete, um etws zu sagen, begann der Lehrer zu sprechen, was zu einer kurzen Überlagerung der beiden Stimmen führte. Wodurch ich keinen von beiden wirklich hören konnte.
Dafür hörte ich etwas anderes, dass eindeutig nicht hierher gehörte.
„Was meinst du damit, dass sie einfach verschwunden ist? Das ist unmöglich und ist ein klarer Grenzverstoß. Wir müssen sie finden, bevor sie sie finden.“
Ich wusste, dass diese Worte nicht für mich bestimmt gewesen waren.
Und gleichzeitig wusste ich, dass sie, wer auch immer es war, von mir gesprochen hatten.
Kurz hatte ich das Gefühl, dass ich mich zu erinnern begann. Mich wirklich zu erinnern begann. An etwas, dass sich wirklich so anfühlte, als wäre es meine Erinnerung. Aus meinem Leben.
Doch kaum, dass ich diese Erinnerung greifen konnte, noch ehe ich auch nur versuchen konnte, mich darauf zu konzentrieren, setzten so dermaßen stechende Kopfschmerzen ein, dass ich beinahe zusammenbrach. Und für einen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen.
„Alles in Ordnung?“, drang Veits Stimme zu mir hindurch. Hörbar aufrichtig besorgt. Und damit zeigte er mir gegenüber mehr echte Emotion, als alle meine Freunde und Familie es bisher getan hatten.
Ich hatte gar nicht gemerkt, wie ich meinen Kopf auf dem Tisch auf meine Hände abgestützt hatte.
Und ich hatte auch nicht gemerkt, wie er seine Hand auf meine Schulter gelegt hatte.
Und diese Geste irritierte mich fast noch mehr als alles andere. Mehr als die Stimme. Mehr als die Kopfschmerzen.
Denn darin lag ein Strom aus Wärme, den ich nicht zuordnen konnte, aber definitiv schon eimal gefühlt hatte. Vor langer Zeit.
Und auch nicht bei ihm.
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