Zu meiner großen Überraschung, nahm mich Elyon erst einmal mit in die Stadt. Er war der Meinung, dass ich mir einen Überblick über diese Welt verschaffen sollte. Wie sie wirklich war, nicht im Erscheinen des Efirs.
Er hatte es so nicht gesagt. Aber ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass das seine Absicht dahinter war. Und was für mich auch bedeutete, dass er vorhatte, mich frei laufen zu lassen. Oder weniger nett ausgedrückt: Er hatte nicht vor, sich die ganze Zeit um mich zu kümmern.
Ein Teil von mir verletzte es, weil es mir das Gefühl gab, dass er mich mal wieder nicht bei sich haben wollte.
Ein weiterer Teil von mir verstand ihn nur zu gut: Ich war einfach so in seiner Realität aufgetaucht. Er hatte ein normales und vermutlich geregeltes Leben gehabt. Und diesem musste er weiter nachgehen. Ich wollte gar nicht erst wissen, wie es sein musste, in seiner Lage sich zu befinden.
Ein dritter Teil von mir freute sich enorm darüber. Es war mir egal, welche Motive ihn tatsächlich dazu bewegt hatten: Ich interpretierte das so, dass er mir vertraute.
Was mir als erstes auffiel, war, dass die Stadt unglaublich grau war. Also im Vergleich zu den Städten in meiner Realität. Und die hatte ich schon für grau gehalten.
Im Grunde war es nicht sonderlich schwer, sich in der Stadt zurechtzufinden. Sie war sehr strukturiert in Blöcken aufgebaut. Klar sortiert und geordnet. Das gefiel mir. Auch wenn es enorm ungewohnt war. Wenn ich in meiner Welt auch nur daran dachte zu erwähnen, dass mir so etwas gefiel, dann wurde ich direkt sehr abwertend und verachtend als Kommunistin geschimpft.
Dabei habe ich nie so ganz verstanden, was Struktur und Ordnung mit Kommunismus zu tun haben soll. Es war eine Art der Ordnung. Mehr nicht.
Er zeigte mir die wichtigsten Orte. Läden. Cafés. Und die Bibliothek – er kannte mich einfach zu gut.
Irgendwann meinte ich zu ihm: „Es ist nett, dass du mir das alles zeigst. Aber ich habe kein Geld, um hier mir irgendetwas zu leisten. Ich habe genau genommen noch nicht einmal einen Plan, wie es hier läuft.“
Und kaum, dass ich das gesagt hatte, winkte ich wieder ab.
„Ich will nicht, dass du mich durchfütterst. Sag mir nur, wie ich hier zurechtkomme“, fügte er erklärend schnell an. Und fügte an, nachdem ich seinen Gesichtsausdruck sah: „Sonst mache ich mich auf den Weg und finde es selbst heraus.“
Und dann passierte etwas, womit ich nie und nimmer gerechnet hätte: Er blieb stehen und lächelte einfach.
Er lächelte.
Und dann deutete er auf seine Armbanduhr.
„Schwierig. Die Welt hier ist genauso zentralisiert, wie du sie im Efir erlebt hast“, sagte er mir und sein Lächeln wurde zu einem müden, aber auch gleichzeitig spöttischen, Grinsen.
Und damit war im Grunde alles gesagt.
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