„Lass uns aufbrechen“, sprach Elyon auf einmal mitten beim Essen. Ich sah ihn fragend an. Seit Kaelens Auftauchen war nun einige Zeit vergangen.
Ich wollte ihn fragen, ob er sich sicher sei. Ich brachte die Worte nicht über meine Lippen. Ich war mir sicher, ob es der richtige Zeitpunkt war. Doch ich wagte es nicht, ihm zu widersprechen. Nicht, wenn er in diesem Ton zu mir sprach.
Es war ein Sonntag. Und es regnete. Er zog sich einen Regenmantel an. Mir gab er einen Schirm.
Er bewegte sich zügig durch die Stadt. Wir liefen. Und die Route von hier aus bis zur Bibliothek, war genauso lang, wie auch in der Efir-Variante dieser Stadt.
„Wer war die Frau, als du bei mir aufgetaucht bist?“, fragte er mich auf einmal. Für einen Augenblick stimmte ich mich auf ihn ein. Ich spürte Unruhe. Aber auch eine gewisse Wut. Und der Eindruck, dass sie mir galt, war erdrückend stark.
Ein Teil von mir wollte ihn anlügen. Ein anderer Teil von mir wusste, dass Schweigen keine Option war. Nachdem die letzten Tage fast schon eine gewisse fürsorgliche Zärtlichkeit getragen hatten, war das ein komplett anderer Zustand, in dem er sich befand. In den ich mich immer gefügt hatte.
„Ich bin mir nicht ganz sicher“, antwortete ich schließlich, während er ein klein wenig schneller lief. Aber was ich wirklich in diesem Moment dachte, war etwas anderes: Willst du das wirklich wissen?
„Bist du mit ihr verbunden?“, fragte er direkt weiter. Die Art der Frage ließ mich wissen, in welche Art von Konflikt er sich gerade befand. Ich wollte ihm die Frage beantworten. Aber ich konnte nicht. Die Sache war anders als unser übliches Spielfeld. Wenn er wissen wollte, ob sie mit mir verbunden war, dann hatte er bereits bestimmte Dinge zusammengezählt. Oder herausfgefunden. Alles, was er noch wissen musste, war, ob er sie als Freund oder Feind kategorisieren musste.
„Ich kann dir die Frage nicht so einfach beantworten. Es ist komplizierter. Schwieriger“, antwortete ich schließlich und beeilte mich, um mit ihm Schritt zu halten.
Ich spürte deutlich, dass das nicht die Antwort war, die er hatte hören wollen. Er sah mich kurz prüfend an. Dann sah er wieder nach vorne. Und bis wir bei der Bibliothek ankamen, sagte er kein Wort mehr.
Ich erwartete, dass wir die Bibliothek direkt betreten würden. Ich wusste, dass wir dorthin mussten. Ich wusste, was wir in der Kammer holen mussten. Aber im Grunde hatte ich keine Ahnung, wie wir dort reinkommen sollten.
Aber gingen nicht direkt hinein. Er blieb mit mir draußen stehen, noch ehe wir das Gelände betraten. Die Bibliothek, die früher einmal eine große Kirche gewesen war, befand sich leicht außerhalb der Stadt. In einem anderen Bezirk. Ich dachte daran, wie anders seine Welt war als meine. Nicht einmal als kulturellen Rest hatten sie ein Bauwerk wie eine Kirche noch geduldet. Aber wenigstens hatten sie sie nicht abgerissen, sondern ihr einfach eine andere Funktion gegeben. Vermutlich, weil die Efir-Überlagerungen an dieser Stelle zu stark gewesen waren, um durch einen Abriss nicht nachhaltigen Schaden in allen Ebenen anzurichten.
Er ging mit mir durch den Park davor. Obwohl ich sein Schweigen gewohnt war, trieb es mich dieses Mal in den Wahnsinn.
Der Park sah verlassen aus. Es wunderte mich, dass er kaum gepflegt wurde. Das passte so absolut gar nicht. Und gleichzeitig war ich mir nicht sicher, ob mein Blick mich nicht trog. Ob wir uns nicht schon mitten in einer Überlagerung befanden.
„Das mit Lorena… Kannst du das wieder tun?“, fragte er mich dann auf einmal, als wir an einem Baum ankamen.
Einen wunderschönen, alten, starken Baum, der einfach mitten im Park stand. Ich konnte nicht anders, als den Baum zu betrachten, anstatt ihm in die Augen zu sehen.
„Ja“, antwortete ich. Ich trat näher an den Baum heran. Und doch widerstand ich dem Impuls, ihn zu berühren. Ich wusste, dass es direkt wieder ein Portal öffnen würde. Und und von Portal-Erfahrungen dieser Art hatte ich erst einmal genug.
„Was brauchst du dafür?“, wollte er nur weiter wissen. „Ein Bild. Und optimalerweise persönliche Hintergründe. Allen voran zur Geschichte und emotionalen Triggern. Wobei das zweite reicht. Aber das Bild ist zentral“, teilte ich ihm geistesabwesend mit. Der Baum rief mich. Ich konnte es nicht anders benennen. Es war eindeutig ein Ruf. Als wolle er mir etwas Wichtiges mitteilen.
„Informationen kann ich dir geben. Mit dem Bild ist es schwierig. Reicht dir der Gedanke?“ – „Schwierig. Ich würde nur deine Wahrnehmung von ihr aufgreifen. Nicht aber ihre tatsächliche Erscheinung hier, wie sie gesehen werden soll.“ Ich spürte meine Hand zucken. Ich zog sie zurück. „Gibt es Hintertüren?“ – „Ja. Aber das sollten wir nicht tun.“
In dem Moment, in den ich das sprach, sah ich auf einmal ein Bild vor meinem inneren Auge. Mich. Ihn. Vor diesem Baum stehen. In anderer Kleidung. Einen Schwur sprechend. Wie nicht nur aus einer anderen Zeit, sondern auch aus einer komplett anderen Welt.
Plötzlich packte er mich am Unteram und drehte mich in seine Richtung. Der Blitz, der mich in dem Moment durchzuckte, legte mein gesamtes System beinahe für einen Augenblick lahn. Es war das Funkeln in seinen Augen, dass mich davor bewahrte, abzudriften.
„Mira. Konzentrier dich“, fuhr er mich an. Mit einer Schärfe, die alles überstieg, was ich sonst von ihm kannte.
„Was ist die Hintertür?“, fragte er mich ernuet. Ich zwang mich, mich zu sortieren. Am schwersten fiel es mir zu glauben, dass wir einen Bereich betraten, in dem ich mehr wissen sollte als er. Dabei war es vollkommen logisch, wenn ich mir die durchtechnologisierte Welt ansah, in der er lebte. Wenn ich an all das dachte, was im Laufe der Zeit selbst im Efir unter den Teppich gekehrt worden war.
Ich war mir sicher, dass er es dennoch wusste. Also blieb nur die Frage: Hatte er dieses Wissen bewusst für sich selbst versperrt, oder war es überschrieben worden?
„Bitte zwing mich nicht es zu sagen“, flüsterte ich und sah ihm nun direkt in die Augen. Und bitte zwinbg mich nicht, es zu tun. Nicht so, fügte ich innerlich an. Ich zeigte ihm nur einen Strom aus Bildern, wie Nähe in Verbindung mit Erinnerungen an andere Personen genau den Effekt erzielen konnten, nach dem er gefragt hatte. Man – in diesem Fall ich – müsste nur aus dem Moment die richtigen Fragmente zusammensetzen.
Er hielt meinen Arm noch einen Augenblick lang fest. Dann kniff er die Augen zusammen und ließ mich langsam los. Er sah aus, als würde er innerlich etwas abwägen. Ich wusste, dass ich ohnehin tun würde, was immer von mir jetzt verlangte. Er hatte es klar gesagt: Wenn wir hier reingehen, dann nach meinen Regeln. Und ich hatte zugestimmt.
„Lorena. Kannst du sie noch einmal hervorrufen?“, fragte er dann stattdessen. „Ja.“ – „Welche Auswirkungen hätte es auf sie? Ihre Erinnerungen?“ – „Sie würde sich daran erinnern, als hätte sie es selbst getan.“
Er dachte nach.
Dann nickte er nur.
„Gut. Dann Lorena.“
Ich sah ihn einen Augenblick lang an. Ich wusste nicht, was ich mit diesem Moment anfangen sollte. Ob ich überhaupt jetzt darüber nachdenken und ihn einordnen wollte.
Denn die Variante, die ich ihm im Bildstrom gezeigt hatte, wäre nicht nur der einfachere, sondern auch der sicherere Weg gewesen.
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