„Sie hat einen Stalker!“, rief Ki Misa zu, kaum, dass sie uns erreicht hatte. Und schon bereute ich es massiv, dass ich Ki von den Begegnungen mit Nick erzählt hatte. Dabei war ich mir noch nicht einmal sicher, warum ich es ihr erzählt hatte. Ich hatte es ihr gar nicht sagen wollen. Und trotzdem hatte ich es getan.
Ich biss mir auf die Zunge, obwohl das zu spät war und jetzt auch nichts mehr an der Situation ändern würde.
Misa sah mich eindringlich an. Und, wie so oft, leuchteten ihre Augen dabei kurz dunkel auf. Inzwischen gewöhnte ich mich daran. Und ich sagte nichts dazu. Ich schien die einzige zu sein, die es sah.
„Er hat gesagt, er sei ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, plapperte Ki weiter. Ich seufzte nur innerlich.
Ich war selbst Schuld. Ich konnte es nicht leugnen. Ich hätte einfach meine Klappe halten sollen.
Es war zu spät.
Einfach zu spät.
Und ich musste da jetzt durch.
„Deine Geschichte ergibt keinen Sinn. Ich glaube, du denkst dir das aus“, sagte Misa dann, nachdem sie sich Kis Zusammenfassung angehört hatte. Dabei ließ sie mich, wie so oft, keine Sekunde aus den Augen. Auch daran gewöhnte ich mich langsam. Und versuchte gar nicht mehr erst, es zu verstehen.
Etwas an ihren Worten regte mich auf. Dabei war ich mir noch nicht einmal sicher, ob sie mich oder Ki meinte. Mir war selbst bewusst, dass meine Geschichte kaum glaubwürdig klang. und Kis Zusammenfassung war noch weiter entfernt von dem, was ich erlebt hatte. Das trug auch nicht unbedingt zur Glaubwürdigkeit bei.
Während die beiden sich noch über meine Geschichte unterhielten, darüber diskutierten, ob ich mir das nur ausdachte, driftete ich in meine Gedanken weg. Irgendwie hatte ich Hunger. Was nicht weiter verwunderlich war. Ich hatte heute noch nichts gegessen. Aber ich hatte mich dazu entschieden, mein Essensgeld aufzuheben. Ich bekam nicht sonderlich viel Taschengeld. Und irgendwie fanden meine Eltern auch immer wieder eine Ausrede, es mir wieder zu entziehen.
Und natürlich dachte ich über Nick nach. Der einfach wie aus dem Nichts aufzutauchen schien. Sich mit mir unterhielt. Mir kryptische Sachen sagte, die sich theoretisch jeglicher Logik entzogen. und mir trotzdem verständlicher waren als alles, was ich sonst in meinem Leben wahrnahm.
Ki und Misa waren in der Parallelklasse. Sie hatten nun Physik. Ich Musik. Und wie so oft, fragte ich mich, warum mich meine Eltern in den verstärkten Musikunterricht gesteckt hatten. Ich konnte mich dunkel daran erinnern, dass ich mich darüber gefreut hatte. Dass sie mich gefragt hatten.
Aber jetzt verstand ich es nicht. Es machte mir keinen Spaß. Es war ein sinnloses Fach. Und Geld verdienen konnte man damit auch nicht. Ich erinnerte mich daran, dass ich Klavier und Gitarre hatte lernen wollen. Dass ich sehr viel Zeit damit verbracht hatte. Aber irgendwie fühlte es sich fremd an.
Anders als in den anderen Fächern, hatten wir hier keine festen Sitzplätze. Als ich den Raum betrat, hatte ich keine Ahnung, wo ich Platz nehmen sollte. Alles war bereits voll. Und ich hatte absolut keine Lust, in der ersten Reihe zu sitzen.
Außer…
Ich ging in die mittlere Reihe und setzte mich neben den Jungen aus der Parallelklasse. Sichtbar ein Streber. Und ich erinnerte mich daran, dass er zum Philosphieren geneigt war. Ich konnte mich sogar daran erinnern, dass wir in der Musikschule immer wieder einmal miteinander gesprochen hatten.
Er sah mich seltsam an. Als würde er nicht wissen, wie er damit umgehen sollte, dass ich mich neben ihn gesetzt hatte. Ich konnte mich daran erinnern, dass die meisten ihn mieden.
„Hallo, Veit“, sagte ich ruhig.
Aber dieses Mal wusste ich wenigstens, dass ich seinen Namen sogar offiziell kannte.
Und er einer von denen war, bei denen der Name, den er trug, derselbe war, wie der, den ich fühlte.
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