TnS(E) – 1.2.3 – Spiegelverkert – Psy

Es war ein seltsamer Zustand, in dem ich mich befand.

Das Ruckeln hatte endlich aufgehört und der Bus fuhr einfach weiter.

Allerdings war ich mir gerade nicht sicher, was wirklich los war.

Ich konnte spüren, dass diese Welt real war. Ich konnte mich an das Leben hier erinnern.

Aber etwas passte nicht. Die Erinnerungen an die Wohnung. An den Mann. Sie fühlten sich richtig in meinem Kopf an.

Die Erinnerungen, dass ich eine 14-Jährige sein sollte, die ihre Hausaufgaben zu Hause vergessen hatten, obwohl ich sie wirklich gemacht hatte, fühlten sich hingegen falsch an.

Und doch meldete mein Verstand klar und deutlich: Das war die richtige Erinnerung. Für hier. Für diese Zeit. Für diese Realität. Für mich.

Und trotzdem war einfach alles falsch.

Der Mann, an dem ich mich festgekrallt hatte, hatte mich inzwischen abgeschüttelt. Wenn auch fluchend über den Kaffee, der auf diese Weise zu Boden gegangen war. Vielleicht hätte ich mich nicht an ihm festkrallen sollen.

Aber es war sicherlich auch nicht die beste Idee gewesen, mit Kaffee in solch einen Bus zu gehen. Meine innere Uhr meldete mir, dass es kurz vor 7 Uhr am Morgen war. Es war absehbar, dass der Bus voll sein würde.

Ich sah ihm hinterher, als er an der nächsten Haltestelle aussieg. Irgendetwas in meinem Inneren schmerzte. Als würde ein Teil von mir gehen. Als würde ich ihn nicht gehen lassen dürfen. Als müsste ich ihn festhalten.

Und doch durfte ich nicht. Etwas in meinem Inneren hielt mich davon ab. Allein schon aus dem Aspekt heraus, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich ihm das hätte erklären sollen. Außerdem war er sichtbar älter als ich. Das würde das Ganze noch fragwürdiger gestalten.

Und so blieb ich ungeduldig im Bus stehen. Wartete auf die Haltestelle, von der ich wusste, dass ich dort aussteigen musste. Um dann zur Schule zu laufen, die sich nicht wie meine anfühlte. Und immer wieder drangen diese seltsamen Fragmente in mir durch: Ich hatte doch meinen Abschluss bereits gemacht. Warum war ich wieder in der Schule?

Als ich das Schulgebäude betrat, sahen mich alle an. Starrten mich fast schon an, als hätte ich irgendetwas getan. Als wäre ich plötzlich das Zentrum der Gerüchteküche. Ich ging zügig alle Erinnerungen durch, die mir vorlagen. Doch mir fiel nichts ein.

Und dann sah ich zwei Mädchen stehen. Ich erkannte sie sofort als meine beiden besten Freundinnen Ki und Misa wieder. Und neben ihnen stand Rahel. Mit der ich auch irgendwie mehr oder weniger befreundet zu sein schien.

Als unsere Blicke einander trafen, hatte ich das Gefühl, dass ihre braunen Augen kurz in der Dunkelheit aufleuchteten. Doch nachdem ich geblinzelt hatte, war es bereits verschwunden.

„Verdammt, Juu. Was hast du dabei gedacht, das am Wochenende abzuziehen? Ich habe keine Ahnung, wie ich das dem Gremium erklären soll!“, schnauzte mich auf einmal eine Stimme von der Seite an. Eine Stimme, die mir vertraut vorkam. Und die gewissermaßen eine Wärme in mir auslöste.

Ich wandte ihm langsam meinen Blick zum, wobei er weitersprach: „Ich habe in der Schule allen erzählt, dass ich euch knutschend auf meinem Bett vorgefunden habe. Bete, dass das der Rat schluckt und allesa andere für eine Überlagerung hält.“

Genau in dem Moment, als er fertig gesprochen hatte, trafen unsere Blicke einander.

„Kaelen!“, flüsterte ich nahezu tonlos. Und etwas in mir war erschrocken und berührt zugleich, ohne, dass ich es richtig zuordnen konnte.

Seine Augen weiteten sich verblüfft und er wich einen Schritt zurück.

„Nenn mich nicht so. Du weißt, wie ich heiße!“, fuhr er mich an, ging weg und ließ mich einfach stehen.

Ich blieb stehen und sah ihm einen Augenblick lang hinterher.

Bis Misa zu mir angelaufen kam und mich wütend anschnauzte: „Wenn du was mit meinem Bruder anfängst, reiße ich dir den Kopf ab!“

 

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