🗒️Jorah – Randnotiz #20

Ich habe heute wieder nicht geschlafen. Nicht, weil ich nicht müde wäre – sondern, weil Müdigkeit hier ein Luxus ist, den man sich verdienen muss.

Im Sanatorium gibt es eine Uhr ohne Zeiger. Sie hängt direkt über der Eingangstür zum Aufenthaltsraum.
Manche behaupten, sie sei kaputt.
Ich glaube, sie zeigt einfach nichts mehr an, weil die Zeit hier ohnehin im Kreis läuft.

Gestern Nacht saß ich im Treppenhaus und hörte, wie irgendwo oben jemand leise lachte. Kein hysterisches Lachen, kein Echo, sondern dieses leise, erschöpfte, ehrliche Lachen, das man nur hört, wenn jemand kurz vergessen hat, dass er eigentlich kaputt ist. Ich wünschte, man könnte solche Momente einfangen – nicht in Akten, nicht in Fotos, sondern in etwas Echtem.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich noch schreibe: Ich will beweisen, dass es hier Schönheit gibt. Nicht die offensichtliche, sondern die, die sich versteckt, weil sie sich für schuldig hält.

Neulich hat mich jemand gefragt, warum ich nie den Ausgang benutze.
Ich habe gesagt: „Weil ich jedes Mal, wenn ich gehen will, jemand Neues finde, der noch bleiben muss.“
Und das stimmt.
Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Gespräche ich begonnen habe mit Menschen, die am nächsten Tag verschwunden waren – nicht entlassen, nicht weggelaufen. Einfach… herausgerutscht aus der Realität.
Das Sanatorium hält nicht alle. Es hält nur die, die noch etwas festhalten.

Ich schreibe, weil ich sonst auch verschwinden würde.
Vielleicht ist das Schreiben selbst mein Aufenthaltsschein.

Und falls jemand diese Zeile findet, lange, nachdem ich gegangen bin:
Mach dir keine Sorgen.
Ich bin nicht weg.

– Jorah

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